Die 12 Kulinarzeichen

Die 12 Kulinarzeichen

Eisbein

Beim Eisbein geht Tradition harmonisch mit Völlegefühl einher. Was ein Eisbein nicht kennt, isst es nicht; was es kennt, hat selten Zeit, das Haltbarkeitsdatum zu erreichen; und was es isst, kann es nur schwer verdauen. Ein Eisbein fühlt sich erst satt, wenn es einen komaähnlichen Zustand erreicht hat, der durch den Genuss diverser Schnäpse (die als Medizin gelten) unterstützt wird. Typische Eisbeine haben einen Onkel, der trotz hemmungsloser Völlerei bei bester Gesundheit erst im Alter von 72 an einem Herzinfarkt gestorben ist – noch bevor ihn sein Darmkrebs kriegen konnte.

Stangensellerie

Charakteristisch für dieses Zeichen ist der Eifer, mit dem es von seiner Ernährungsform erzählt und andere Kulinarzeichen davon überzeugen will, dass sie sich falsch ernähren. Obwohl Stangensellerie deshalb von Kulinarzeichen wie Fritte und Eisbein gemieden oder gar angefeindet wird, tritt er selten zurückhaltend oder gar reflektiert auf. Seine Beharrlichkeit und das Geschick, mit dem er jedes Gespräch auf die Vorzüge pflanzlicher Kost bringen kann, können durchaus als Pluspunkte gewertet werden. Ihre Überzeugung wird gegen Angriffe von außen (z.B. Bemerkungen wie »Wirklich?«) vehement verteidigt.

Fritte

Fast-Food ist einer Fritte nicht schnell, Convenience-Food nicht bequem genug. Im Idealfall gilt: Packung aufreißen und reinbeißen! Alles, was diese Formel erweitert – wie einrühren oder aufwärmen – lehnt die Fritte als »völlig übertrieben« ab. Sie mag es unkompliziert und lebt von der Hand in den Mund. Für dieses Zeichen sind unmittelbare Zugänglichkeit und Glutamatgehalt ausschlaggebende Kriterien für gutes Essen. Eine Fritte erkennt man an den schnellen Augenbewegungen, mit denen sie ihre Umgebung auf Nahrungszugriffsmöglichkeiten hin abscannt, und dem leichten Zittern ihrer Händen, die jederzeit bereit sind, nach Finger-Food zu greifen.

Praline

Die Praline ist (ihren Lieblingssorten) treu ergeben und genügsam, solange nur reichlich von ihrem Soul-Food vorhanden ist. Sie ist meist gut gelaunt und hat nur eine Sorge: dass ihr der Zuckerstoff ausgehen könnte. Wird er ihr über einen längeren Zeitraum (> 15 Minuten) vorenthalten, kann die ansonsten so harmoniebedürftige Praline zur aggressiven Furie werden. Eine typische Praline überrascht mit einer Vielzahl an Paradoxien: Sie beschäftigt sich sehr mit den Folgen ihres Essverhaltens, ohne dieses dabei jemals in Frage zu stellen. Und sie liebt Menschen, würde aber für den richtigen Schokoriegel jede Freundschaft opfern.

Stör

Dem Stör gilt Essen als Statussymbol: Wenn Pasta, dann nur getrüffelt, von italienischen Nonnen handgezwengelt und in Weihwasser gekocht. Alles, was es auch im Discounter geben könnte, wird konsequent von der Speisekarte verbannt. Wie kein anderer kann ein Stör echten Schampus von billiger Supermarktware unterscheiden – wenn nicht am Geschmack, dann am Preisetikett. Ein Stör isst ungern allein: Wenn niemand sehen kann, welch hochpreisigen Lebensmittel er stilvoll vertilgt, spart er sich lieber gleich die Mühe. Die meisten Kalorien verbraucht dieses Zeichen, wenn es kulinarischen Trends wie Dubai Schokolade oder Bubble Tea hinterherjagt.

Ketchup

Man erkennt dieses Zeichen am reflexhaften Griff zum Salz, noch bevor es einen Bissen gekostet hat. Das Ketchup ist gleichzeitig schwer und leicht zufriedenzustellen. Zwar moniert es bei jeder Gelegenheit die Qualität seines Essens, ist jedoch auf der Stelle ruhig, sobald alles so schmeckt wie immer. Verschiedene Geschmacksrichtungen verunsichern das Ketchup und überfordern seine leicht irritierbaren Sinne. Diese Eigenschaft macht es zu einem sehr dankbaren Gast, da aufwendige Gerichte und Raffinesse unnötig werden. Ähnlich wie bei Eisbein gilt auch hier die Quantität als wesentliches Kriterium eines guten Essens: Viel ist gut, mehr immer besser!

Salat

Der Salat kann spontan Energiegehalt, glykämischen Index und Darmverweildauer jedes Nahrungsmittels nennen, tut das aber aufgrund seines meist niedrigen Blutzuckerspiegels nur widerwillig und in extrem gereizter Art. Eine seltsame Eigenschaft des Salats ist zudem, dass er eigentlich nie so gesund oder energievoll aussieht, wie er sich nach eigenen Aussagen fühlt. Angehörige dieses Kulinarzeichens definieren sich in erster (und schlanker) Linie über das, was sie NICHT essen.

Nudel

Dieses Zeichen zeichnet sich durch Flexibilität aus, mit der es durch die Kostformen wechselt; durch den Fantasiereichtum, mit dem es jede Ernährungslehre in den Alltag integriert; und schließlich durch den Hang zum Fanatismus, mit dem es die neuen Erkenntnisse nach außen trägt. Mit dem Staudensellerie und der Vitaminkapsel liegt er im unregelmäßigen Wechsel mal über Kreuz, mal auf einer Wellenlänge. Eigene kulinarische Vorlieben, die länger als drei Wochen anhalten, und individuelle Verträglichkeiten kennt die Nudel nicht. Sie erfährt, was ihr gerade schmeckt, aus der Fachliteratur (sämtliche Lifestyle-Magazine).

Vitaminkapsel

Dieses Zeichen ist ein Tüftler, und der Inhalt seines Tellers stellt einen biochemischen Bausatz dar. Perfekt auf die Tagesform abgestimmt, stellt die Vitaminkapsel sicher, dass sie sämtliche Nahrungsoptimierer, Rülpsblocker und Enzymbeschleuniger bekommt, die sie braucht. Die tägliche Stuhlanalyse gehört bei diesen gewissenhaften Zeitgenossen ebenso zum Essen wie … das Essen selbst. Treffen sich zwei Vitaminkapseln, kommt es oft zu Konflikten, wenn es darum geht, wer die tägliche Ernährung noch einen Ticken effizienter und stoffwechseloptimierter gestalten kann.

Döner

Einem geschenkten Gaul schaut ein Döner nicht ins Maul: Er frittiert ihn und schiebt ihn sich in den Mund. Eine Mahlzeit, die er nicht selbst kocht und im Idealfall auch nicht zahlt, ist immer eine gute Mahlzeit! Lebensmittelunverträglichkeiten kennt der Döner nur, wenn er dadurch an einen Extrahappen kommt, und Völlegefühl ignoriert er, bis der Arzt kommt. Man trifft Döner oft an den Probierständen im Supermarkt, auf Vernissagen oder Feiern ihnen fremder Familien.

Kalorienshake

Der Kalorienshake betrachtet Essen neutral als »Nahrungsaufnahme«, die zuverlässig den Energiebedarf des Organismus deckt. Geschmack betrachtet er als irrational und subjektiv und daher als vernachlässigbar. Der Kalorienshake isst nur, wenn er Hunger hat. Sonst nicht. Weder aus Langeweile, Frust, Geltungsbedürfnis, zum Trost, zur Belohnung oder Veranschaulichung der eigenen Weltanschauung, zur Ablenkung, zum Muskelaufbau oder zur spirituellen Erkenntnis. Auf die anderen Kulinarzeichen wirken Kalorienshakes deshalb zuweilen irritierend, und oft wird ihnen die Eignung zum Überleben in einer modernen Konsumwelt abgesprochen.

Bittergurke

Gute Vorsätze oder der 9. Januar

Gute Vorsätze oder der 9. Januar

Kürbissuppe

Kürbissuppe

Heute geht er zu Ende, der goldene Oktober, der uns dieses Jahr so schmählich im Stich gelassen hat. Kaum hielten wir die müden Häupter hungrig in die milde Herbstsonne, hat uns scharfer Wind kalten Regen ins Gesicht geklatscht. Und wir haben gemerkt, dass die so berühmten bunten Blätter nur dann schön sind, wenn man sie aus der Distanz betrachtet – und nicht, wenn man sie aus dem Schal schälen oder dem Dekolleté klauben muss.

Wir sind mittendrin in der Zeit, in der man HYGGE betreibt, als ob’s kein Morgen gäbe. Kennt ihr? Die Frauenzeitschriften waren mal voll davon: Daheim bleiben und in flauschige Decken kuscheln, Tee trinken, der so abartig aromatisiert ist, dass er im Dunkeln leuchtet, und ganz viele Teelichter anzünden.

Profitipp: Wenn man ein wenig Schnaps in den Tee kippt, nur halb soviel, weil man die dann ja doppelt sieht.

Aber morgens ist es dunkel und kalt, nachmittags wird es dunkel und kalt, und die einzige Aussicht, die wir haben, ist die, dass es noch dunkler und kälter wird.

Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, kommen jetzt alle daher und pesten einen mit ihrer Kürbissuppe.

KÜRBISSUPPE! Wenn ich das Wort nur höre! So ein Kürbis kann ganz hübsch sein, ohne Frage, die Farbe ist sehr schön, die Form ansprechend. Ausgeschnitzt und mit weiteren Teelichtern befüllt – wir sehen hier ein Motiv – kann er die dunklen Nächte erleuchten. Und wenn man mag und gar nichts anderes da ist, kann man ihn auch essen, denke ich.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Gemüse. Aber Kürbis, das ist eine Farbe und eine Form. Roh ist er nicht genießbar, und gekocht, gebraten, gedämpft oder gebacken hat er die Konsistenz von Babybrei. Der Geschmack? Wird locker von der Farbe übertönt.

Aber sowie es Herbst wird, hebelt sich irgendwas in den Gehirnen der Menschen aus, und alle fangen an, einem ihre Kürbissuppe aufzuschwatzen, wie Sauer Bier.

Als wäre es der Gipfel kulinarischen Könnens, einen Kürbis – botanisch betrachtet übrigens eine Beere – zu Pampe zu zerkochen und dann noch zu pürieren. Hui hui, Haute Cusine.

Das ist ein wenig so wie die Leute, die bei Zimt sofort sagen: „Das riecht wie Weihnachten.“

Zimt scheint das einzige Gewürz zu sein, dass die Leute mit Weihnachten assoziieren – und mit nichts anderem. Kulinarische Ignoranz, würd ich mal sagen.

Jetzt also: „Oooh, goldener Herbst, und ich tu Muskatnuss in die Kürbissuppe, weil ich ein Knecht der Jahreszeiten bin.“ Saisonales Kochen schön und gut – aber hey. Es gibt auch anderes „Gemüse“ in dieser Jahreszeit.

Ich bin in meinen langen Jahren noch nicht einer Kürbissuppe begegnet, die mich überzeugt hätte. Nicht einer. Aber wenn man das den Leuten sagt, diesen Herbst-Starköchen, sagen ALLE: „Na, du hast meine halt noch nicht probiert.“

Und ich sage dann: „Hab ich nicht, muss ich auch nicht. Deine ist nicht anders als die Hunderte, die vor ihr kamen.“

Damit ist der fehlgeleitete Ehrgeiz dieser Leute gepackt. Da hört man dann:

– Also ich geb immer Kokosmilch in meine. Das ist köstlich.

– Das Geheimnis ist Orangensaft.

– Seit ich einen Schuss Sherry in meine gebe, schmeckt die sogar meinem Mann / der Schwiegermutter / den Kindern im Vorschulalter.

– Ich nehme Fischfond. Das ist ganz was anderes.

Nein, ist es nicht. Kürbissuppe sieht einfach aus wie etwas, womit man die Wände streichen sollte. Schmeckt auch nicht viel interessanter. Und wenn ich sage, dass etwas „interessant“ schmeckt, dann ist das nicht Verbalkosmetik für „Der Hunger treibt’s runter und die Geschmacksknospen wieder rauf.“

Nein, dann meine ich das so: interessant ist gut. Etwas Neues, nicht Naheliegendes. Etwas Bereicherndes. Etwas Anregendes. Etwas, das Neugier weckt und vielleicht auch die detektivischen Fähigkeiten herausfordert.

Spannender als Toastbrot. Aufregender als Käse aus der Plastikpackung, der eine rein stoffliche Erfahrung ist. Prickelnder als die geheime Zutat von Mama Mirakuli.

Die sicher jetzt mit Kürbisrisotto daherkommt. Risotto! Der Milchreis unter den Hauptgerichten. Das Seniorenmenü, das man auch zum Ausbessern der Fliesenfugen im Bad hernehmen kann. Da kombiniert man langweilig mit banal. Beides unbegreiflich überbewertet.

„Es kommt halt drauf an, wie man es würzt“, sagen da die Köche pikiert. Das Argument bringen sie auch bei den wattigen Auberginen mit der zähen Haut, die ebenfalls nur Form und Farbe sind, aber kein Gemüse. Übrigens auch aus botanischer Sicht eine Beere.

Ja, es kommt immer drauf an, wie man würzt. Alles, was hierzulande über Salz, Pfeffer und Maggie hinausgeht, wird ja schon auf der gutbürgerlichen Speisekarte erwähnt.

Oder ist Zimt und erinnert an Weihnachen.

Ich könnte auch meinen Spülschwamm so würzen, dass er lecker schmeckt. Aber ich mach es nicht. Ebensowenig, wie ich freiwillig Kürbissuppe essen würde. Weil es einfach keinen Sinn macht, und weil es irgendwo auch Grenzen gibt.

Da kannst du mit Familienrezepten wedeln, die seit Jahrhunderten in deiner Familie sind und die du selbst deiner Oma im Todeskampf aus der gichtigen Hand gewunden hast.

Da kannst du soviel Sherry in deine Suppe kippen, dass es eine Bowle wird, und ich fress sie nicht.

Da kannst du sagen, dass es Kürbis in einer unglaublichen Vielfalt gibt, 800 Sorten mit unterschiedlichen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen.

Und ich sage: Die Geschmacksrichtungen gehen von erschreckend langweilig über qualvoll nichtssagend bis hin zu abstoßend beliebig.

Da wundert es nicht, dass Kürbis zum Symbol für Halloween geworden ist.

Es gibt tatsächlich nur eine Verwendung von Kürbissuppe, die mir einleuchtet. Gesund und saisonal, wie es sich gehört.

Man könnte beim ersten Anzeichen einer Erkältung ein Fußbad in heißer Kürbissuppe machen. Ja, das erschließt sich.

Mein Garten, Schiller und ich

Mein Garten, Schiller und ich

Bis vor kurzem war es noch so: Die Natur war draußen, während ich drinnen war und so getan habe, als würd ich arbeiten. Ab und zu hab ich geguckt, was sie so treibt. Meistens war sie immer noch draußen. Bei dieser Gelegenheit hab ich dieses Jahr auch erstmals Bärlauchpesto gemacht.

Und dieses Pesto hat wohl auch den Ausschlag gegeben, dass ich meinen eigenen Backstage-Pass zu Mutter Natur bekommen habe. Ein Parzellen-Paradies mit Blick auf den Olympiaturm. Mein persönliches urbanes Arkadien. Das ist, wie die Kulturchecker wissen, nicht nur eine griechische Landschaft, sondern auch der „liebliche Ort“ der Glückseligkeit in der antiken Literatur. Da, wo Hirten hinter Herden und Nymphen hinter Pan herjagen. Bis der alte Geißengott dann erschöpft in der Mittagshitze unter einen Olivenbaum sinkt und die Nymphen Bier holen schickt.

Ich habe jetzt also ein Outdoor-Kreativbüro, wo ich Oden an mein Gemüse schreiben kann, wie Ringelnatz einst auf die Kartoffel und Wilhelm Busch auf die Bohne (daher auch der Name „Buschbohne“). Goethe, der alte Poser, hatte sich auf die Artischocke eingeschossen, obwohl er sie anfangs noch für eine hässliche Distel hielt. Das erinnert ein wenig daran, wie ich neulich in der Berufsschule für Gartenbau stand mit einem Topf mit rot-grünem Blattwerk in der Hand und fragte, ob es sich dabei um Pflücksalat handle. Der Verkäufer lachte herzhaft – und lang – und sagte, es sei Mangold. Ich erklärte, dass ich noch nicht lange dabei sei. Er daraufhin: „Das wär mir jetzt nicht aufgefallen.“ Doch im Garten ersetzt Enthusiasmus konkretes Sachwissen. Das ist jetzt in anderen

Bereichen, etwa der Medizin oder der Politik, idealerweise anders. Oder eben auch nicht, und dann fehlt beides. Und es gibt ja auf Youtube Videos für schlichtweg alles: Hochbeete aus Kinderspielzeug, Lobotomie selbst gemacht mit einfachem Küchengerät, Wärmekissen aus Nachbars Katze.

Inzwischen spreche ich fast fließend botanisch, kenne Wörter wie Grünschnitt und Karbidstein und nenne Unkräuter brav Beikräuter, weil politisch korrekt. Ich pflanze übrigens sehr viele Beikräuter an und kann nicht jäten, weil ich sie von den anderen, den Nutz- oder Erstkräutern, noch nicht unterscheiden kann. Das verkaufe ich den Nachbarn gegenüber als gewollt und ebenfalls politisch korrekt. Ich bin halt tolerant. Nur Nacktschnecken verdienen kein Erbarmen.

Früher hat meine Mutter vor der Gartenarbeit noch zu mir gesagt: „Versuch halt, nicht ganz so laut zu schreiben, wenn du einer Schnecke begegnest.“ Heute zücke ich die Gartenschere, ohne mit der Wimper zu zucken. Nur noch selten wird mir hinterher übel, wenn das Gedärm aus dem Tier herausquillt. Dermaßen animiert, überlege ich mir, dass ich jetzt permanent mit potentiell tödlichen Tatwaffen hantiere: Draht, Gartenkralle, Mistgabel… von den Sägen für Astschnitt und Häcksler-Maschinen ganz zu schweigen. Das Heckenscheren-Massaker von München ist nur eine dumme Bemerkung des Gartenbau- Verkäufers entfernt.

Ich denke, dass ich mit Leichtigkeit vier oder fünf Leichen in meinem Schrebergarten entsorgen könnte: Da, wo der Teich war. Im Kompost. Im Hochbeet. Im Kühlloch. Im Geräteschuppen. Die Blicke meiner Nachbarn jenseits des Maschendrahtzauns gewinnen proportional mit diesen Überlegungen an Bedrohlichkeit, und ich denke: „Der hat doch sicher nur deshalb so schöne Rosen, weil er jemanden darunter verbuddelt hat.“ Als er neulich Besuch hatte, gingen zwei in die Gartenlaube – doch nur einer kam wieder heraus. Und dann denke ich, dass ich statt Gemüseprosa vielleicht lieber Krimis schreiben könnte, im Stil von: „Nur die Wühlmaus war Zeuge.“ Oder Spionagethriller wie „Der Kürbis, der aus der Kälte kam“. Vielleicht auch sozialkritische Romane à la „Wer die Kohlmeise stört“.

Oder vielleicht auch Erotika? Erfolgsbewährte Titel wie „In der Laube der Lüste“, Neo- Klassiker wie „Neuneinhalb Gurken“, zeitgemäße Neuinterpretationen wie „Unterm Tomatendach wird gejodelt“ oder der bewährte Gärtnermädchenreport. Gemüse-Sex wäre

im nachhaltigen, glutenfreien Bio-Zeitalter sicher auch eine lohnenswerte Nische: Topinambur ohne Tabus, Erbsen in Ekstase, lüsterner Lauch, zügellose Zucchini und williger Wirsing.

Es böten sich natürlich auch Ratgeber voll Lebensweisheiten an, denn wir gärtnern, um zu lernen, wie wir auch leben, um irgendwann auf dem Kompost der Ewigkeit zu landen. Willst du den Planeten ändern, so fange beim Garten an – so oder ähnlich hat sich garantiert irgendein fernöstlicher Weiser schon einmal geäußert, Jahrtausende vor der Zeit, als Martin Luther im Glauben, dass morgen die Welt unterginge, Apfelbäumchen gepflanzt hat. Und dann ging die Welt doch nicht unter und er bekam Probleme mit dem Kleingartenvereinsvorstand, weil die Pflanzung nicht den Vorschriften entsprach.

Neuesten Erkenntnissen zufolge stammt der Spruch übrigens nicht von Luther.

Anderen Erkenntnissen zufolge war der alte Untergangs-Paranoiker für 80 % der Obstgärten in und um Wittenbach verantwortlich.

Im Schrebergarten üben wir für eine bessere Welt en miniature. Und wir spielen Gott – an den Tagen wenigstens, an denen wir gießen müssen: Entscheiden, was stehenbleiben darf und was geschreddert wird, was wir düngen und was wir verdursten lassen, wo wir Rasen heilsam über alte Wunden sähen und wo wir mit Marmorkies alles ins Unbewusste verdrängen. Runter von der Couch und rein in den Garten, kann man da nur sagen.

Die Natur wirkt ja auf viele kreativ. Schiller hat seinerzeit geschrieben:

Auch ich war in Arkadien geboren

Auch mir hat die Natur

An meiner Wiege Freude zugeschworen

Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.

Und ich schreibe jetzt:

Die eigene Kartoffel ist nur dann größer, wenn die des Nachbarn kleiner ist.

Meine schwäbische Mutter

Meine schwäbische Mutter

Meine Mutter ist eine reinblütige Schwäbin – und wer mit diesem Kaliber von Mater schon einmal konfrontiert war, wird sofort verstehen, was ich damit meine. Die „jüdische Mutter“, die in unseren Breiten vor allem durch Paul Watzlawicks mittlerweile legendäre Anleitung zum Unglücklichsein bekannt wurde, ist ein Waisenmädel im Vergleich mit dieser Spezies. Die schwäbische Mutter ist hart, unbestechlich, pragmatisch und von einer gewissen Originalität in der Wahl ihrer Waffen. Sie verhätschelt ihren Nachwuchs nicht, denn sie weiß: Nur die Harten kommen in den Garten. Sie orientiert sich an dezidierten Wertvorstellungen und ist sich der „Wer grüßt wen zuerst“-Hierarchie in der Nachbarschaft jederzeit bewusst. Sie geht zur Kirche, aber weniger aus spirituellen denn praktischen Überlegungen, denn immerhin hat sie ihr Leben lang Kirchensteuer bezahlt und will den Lohn Gottes noch auf Erden in Form einer soliden Beerdigung einkassieren. Sie spricht breites Schwäbisch und hat gern Hohn übrig für jene, die einen anderen Dialekt pflegen.

So rief einmal ein Kollege aus Bayern bei ihr an, um nach mir zu fragen. Er hatte einen gewissen lokalen Zungenschlag. Sie sagte unverfroren zu ihm: „Tut mir leid, ich verstehe sie nicht. Ich spreche nur Deutsch.“ Noch Monate später hat sie über diesen Witz hämisch geschmunzelt.

Wenn sie mich bittet, ihr DEN Butter zu geben, und ich sie behutsam korrigiere: „DIE Butter, Mutter“, dann lächelt sie und meint: „Hat sich doch gelohnt, dich studieren zu lassen.“

Meine diesbezüglichen Leistungen (ein phänomenaler Magisterabschluss) schmäht sie natürlich gern. Neulich hab ich sie dabei ertappt, wie sie im Gespräch mit einem Nachbarn, der sich über die vielen Schularbeiten seiner Sprösslinge beklagte, behauptete, dass ICH als Kind ja NIE Hausaufgaben gemacht habe. Eine dreiste Lüge, deren Ausmaß sie nicht kümmert. Sie hält eben nichts davon, wie gewisse andere Leute die ranzige Brut in Gold zu tauchen und zu beweihräuchern. Einmal schwärmte eine Lehrerin von mir ihr gegenüber, ihre Tochter – damit meinte sie mich! – sei eine echte Bereicherung ihres Unterrichts. Meine Mutter konnte es sich nicht verkneifen, darauf keck wie folgt zu antworten: „Reden wir vom selben Kind?“

Einmal, ein einziges Mal in meinem erwachsenen Leben, bin ich in den falschen Zug eingestiegen. Grund war eine unglückliche Verkettung widriger Umstände. Naiv, wie ich damals noch war, erzählte ich meiner Mutter davon. Trotz ihres schlechten Gedächtnisses kann sie sich bis heute daran erinnern, dabei ist es mindestens schon 20 Jahre her. Bei jeder

Meine schwäbische Mutter Martina Pahr 1

Gelegenheit schmiert sie mir es auf den Briegel (schwäbische salzige Gebäckspezialität). Einmal verteidigte ich mich mit den Worten – damals arbeitete ich noch als Reiseleiterin: „Hey Mam, sie vertrauen mir wildfremde Menschen an, damit ich sie am anderen Ende der Welt begleite und sicher nach Hause bringe.“ Worauf sie entgegnete: „Darüber wundere ich mich auch jeden Tag.“ Ist ja wahr. Ich reise allein bis nach Australien und zurück, streune durch Indien und fliege nach Mittelamerika – aber in meiner Heimatstadt bin ich ganz offensichtlich nicht einmal in der Lage, mit dem Bus zum Bahnhof zu fahren. Wohlgemerkt, sie sorgt sich nicht. Sie macht sich nur darüber lustig.

Von ihren Nachbarn hält sie in der Regel nicht viel, ebenso wie von anderen Menschen. Und meistens, sagt sie, habe sie damit Recht. Eine junge Nachbarin sprach sie einmal wie folgt an: „Sie, ihr Mann, also der ist mir schon suspekt. Der ist immer so munter und freundlich, und grinst immer so, wenn er grüßt…“ Das grundlegende Misstrauen hindert sie nicht an gewissen Sympathien wenigen Auserwählten gegenüber. Ihre Gunstbezeugungen haben meist die Form von kleinen Neckereien. Beliebtes Ziel war einmal ein spezieller Nachbar, dem es seit der Scheidung von seiner Frau eh viel zu gut gehe, wie sie befand, er sei jetzt immer so gut gelaunt. Natürlich gönnt sie es ihm, aber sie muss wissen, ob es echt ist, und an der Oberfläche kratzen. So freut sie sich bis heute darüber, dass er extrem besorgt reagierte, als sie ihn einmal fragte, ob die Früchte ihres Kirschlorbeers wohl giftig seien. Ihn fragte, während sie dabei auf irgendetwas herumkaute.

Dabei verfügt meine Mutter durchaus über eine besondere Art des Einfühlungsvermögens. Sie meint, dass Blumen nie so schön blühen, wie wenn ihr Besitzer im Sterben liegt. Als eine Freundin einmal ihren Zustand beklagte, versetzte meine Mam nur lapidar: „Stellen sie sich nicht so an. So kümmerlich, wie ihre Blumen sind, kann’s ihnen gar nicht schlecht gehen.“

Ihre Gesundheit ist im Alter natürlich eine Sache für sich. Ihrer Ärztin wirft sie vor, sie so lange auf Diabetes getestet zu haben, bis sie die Krankheit dann auch wirklich hatte. „Sind sie jetzt zufrieden“, wollte sie wissen, als ihr das Testergebnis präsentiert wurde. Das Alter kotzt sie an, sagt meine Mutter. Ihre Überlegungen, dem irdischen Dasein vor Zeiten ein Ende zu bereiten, sind deshalb recht vielfältig. Zum Beispiel liebäugelte sie eine Zeitlang mit einem Organspenderausweis, „denn dann werden die mich schon nicht so lange leben lassen.“ Als ich sie darauf hinwies, dass eine Leber ihres Alters nicht unbedingt allzu begehrt sei, überlegte sie: „Dann bestell ich mir einfach Essen auf Rädern.“ Mittlerweile hat sie diese Entscheidung in die Hände eines gnädigen Schicksals gelegt. Ihr Keller sieht aus wie ein Abenteuerspielplatz, den selbst ein Indiana Jones nur mit viel Glück lebend verlassen wird.

Meine schwäbische Mutter Martina Pahr 2

Sie dagegen krabbelt immer wieder wohlbehalten die mit Todesfallen vollgestellte Kellertreppe herauf. Mir schlägt jedes Mal das Herz bis zum Hals, wenn ich es selbst schaffe.

Neulich rief ich bei ihr an. Sie hob ab, grunzte in den Hörer: „Hmmm?“
Ich fragte: „Mam?“
„Hmm-mmm“
„Ach so“, folgerte ich scharfsinnig, „du hast grade was im Mund (eine Spülung gegen Zahnfleischbluten, wie sich später herausstellte) und kannst nicht sprechen.“ „Hmm-hmm.“

„Tja, dann reden wir halt ein andermal. Tschüss dann!“ „Hmmm.“

So beendeten wir das Gespräch. Eine Mutter, die keine schwäbische Mutter ist, hätte den Hörer unter solchen Umständen NICHT abgenommen.

Muss ich noch mehr sagen, oder verstehen Sie jetzt, was ich meine?

Neue Navigationssysteme

Neue Navigationssysteme

Gerade haben wir es wohl alle ziemlich schwer, in der Welt zurechtzukommen, und brauchen Orientierung. Ein modernes Navi muss deshalb mehr können als „gleich halbrechts, dann schrägrechts abbiegen“ und „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Letzteres, möchte man meinen, kann man gerade eh ersatzlos streichen.

Der Klassiker fürs Navi sind die nörgelnden Kinder. „Sind wir bald da?“, „Ich muss mal! Und „Der hat aber angefangen“ lassen die Minuten im Stau wie im Fluge vergehen. Die Häufigkeit der Ansagen erhöht sich mit der Zeit, und wenn man dann nach Hause kommt, fühlen sich die eigenen Plagen wie Erholung an.

Wenn man das steigern will, greift man zum Hysteriker. „Brems doch!“, schreit der bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Oder „Hätten wir da nicht abbiegen müssen?“ Ein hektisches „Dreh ganz schnell um!“ gehört dazu, natürlich: „Was war das?“ in sämtlichen Variationen: „Hast du das eben auch gehört?“, „Bist du da jetzt wo drübergefahren?“ oder „Was stinkt hier denn so?“ Fulminanter Höhepunkt jeder Fahrt ist dann ein herzhaftes: „Oh Gott, wir werden alle sterben!“

Der Adventure-Scout ist dann für jene, die der Routine entkommen wollen. Man kann den Zeitrahmen eingeben, ob eine Stunde oder mit Übernachtung irgendwo in der Pampa. Der Scout schlägt permanent Abkürzungen vor – und wir alle wissen, wie so etwas endet – nur nicht, wo. In einer Frequenz, die zuvor eingestellt werden kann, würgt sich der Motor regelmäßig selbst ab, das gibt dann den Kick, ob man es noch zum Seitenstreifen schafft.


Der deutsche Tourist will vor allem eins: Nett einkehren und sich auf Parkplätzen die Beine vertreten. Davon inspiriert, macht dieses Navi auf jeden Gasthof aufmerksam, der am Weg liegt. Mehr noch: Es lotst dich dorthin. Alle paar Kilometer gibt es einen Fotostop an interessanten Plätzen wie der örtlichen Kläranlage oder dem Hofladen von Bauer Huber. Während der Fahrt erzählt das Navi dann, dass der Kaffee beim letzten Stop wirklich grauslich war, dass man Österreichern nicht trauen darf und dass so viel weniger Leute unterwegs sind als im letzten Jahr, aber immer noch zu viel.

Das antiautoritäre Navi lässt auch deine Meinung gelten: „Also ich würde hier links abbiegen, aber wenn du weiterfahren willst, ist das auch in Ordnung.“

Die Domina ist da weniger verständnisvoll: „Bieg ab, du Sau!“ „Bist du zu blöd, den Blinker zu setzen?“ Am Ende dann: „Das war’s, du nutzloses Teil. Steig aus.“

Für Action-Fans gibt’s das Fluchtauto-Navi, dass generell gegen die Fahrtrichtung in Einbahnstraßen lotst. Und für politisch Korrekte das EE, das ethisch einwandfreie:

Ich möchte in die Schwarzstraße.

Sorry, das können Sie so nicht sagen.

Wieso, so heißt die doch.

DIE, genau. Die Straße ist weiblich. Also muss es heißen: Sträßin.

Und rechts abbiegen, das geht mit diesem Navi natürlich gar nicht.

Der unzuverlässige Erzähler ist in der Literatur eine beliebte Perspektive. Denken Sie an die Blechtrommel von Günter Grass oder eigentlich alles von Dieter Bohlen. Als Navi wär er unschlagbar: „Hier dann abbiegen in den Frühlingsweg. Ja, ich weiß, dass hier Lenzstraße steht, aber das kommt im Grunde aufs Gleiche raus, oder?“ Und: „Ich erinnere mich … ich war schon einmal hier, das war 2019, oder war es 18, kurz nach der Schweinepest. Damals standen hier lauter Kühe rum.“ Und nach dem Abbiegen, das er angeregt hat, fragt er: „Ob das wirklich so eine gute Idee war?“

Sein Kollege ist der Spannungserzähler, der hat alles drauf vom unheilschwangeren Schweigen, wenn man gerade an eine unübersichtliche Kreuzung kommt, bis hin zur düsteren Antizipation: „Noch ahnte sie nichts Böses, als sie in die Straße einbog.“ ODER „Er wusste nicht, dass diese Fahrt seine letzte sein könnte.“

Sehr beliebt wird garantiert der Motivations-Coach, der dich während der Fahrt anfeuert: „Du schaffst das!“, „Mach jetzt einfach einen U-Turn, ich glaub an dich!“. Wenn du wo auffährst, tröstet er dich, dass du immerhin dein Bestes gegeben hast. Er ermuntert dich ständig zu Individualität: „Richte dich nicht nach den anderen; finde deinen eigenen Weg. Fahre, als würde niemand zusehen.“

Regelrecht therapeutisch wird es dann beim Ex-Navi. Man lässt die Freundin oder den Partner die Texte einsprechen, solange man sich noch gut findet: „Woran denkst du gerade?“, „Schatzi, hätten wir hier nicht abbiegen sollen?“, „Da, eine Parklücke. Nein, fahr weiter, da kommst du eh nicht rein.“ Oder: „Du siehst schon, dass die Ampel da vorn rot ist, Liebling?“ Später erinnert das Navi einen daran, warum die Trennung das Beste war, was einem passieren konnte.

Der Verkaufsschlager wird sicher „Dein esoterischer Wegbegleiter“. Bei der Zieleingabe erinnert er dich daran, dass der Weg das Ziel ist. Er fragt dich: „Hast du das Gefühl, vor jemandem oder etwas fliehen zu müssen?“ Und dann gibt er zu bedenken: „Du weißt ja, dass du dich selbst immer mitnimmst, wohin du auch gehst.“ Und mitten während der Fahrt bleibt das Auto dann stehen, und er will wissen: „Bist du dir eigentlich bewusst, dass du bereits am Ziel warst, bevor du überhaupt aufgebrochen bist?“

Mein Favorit: Das depressive Navi

Bei der Zieleingabe fragt er: Wozu willst du da hin?

Und später: Glaubst du, dass es da besser ist?

Wirklich?

Wir könnten hier links abbiegen, aber das macht eh keinen Unterschied.

Spar dir den Sprit. Besser noch: Nutze die Abgase. Hast du einen Schlauch im Kofferraum?