Gerade haben wir es wohl alle ziemlich schwer, in der Welt zurechtzukommen, und brauchen Orientierung. Ein modernes Navi muss deshalb mehr können als „gleich halbrechts, dann schrägrechts abbiegen“ und „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Letzteres, möchte man meinen, kann man gerade eh ersatzlos streichen.
Der Klassiker fürs Navi sind die nörgelnden Kinder. „Sind wir bald da?“, „Ich muss mal! Und „Der hat aber angefangen“ lassen die Minuten im Stau wie im Fluge vergehen. Die Häufigkeit der Ansagen erhöht sich mit der Zeit, und wenn man dann nach Hause kommt, fühlen sich die eigenen Plagen wie Erholung an.
Wenn man das steigern will, greift man zum Hysteriker. „Brems doch!“, schreit der bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Oder „Hätten wir da nicht abbiegen müssen?“ Ein hektisches „Dreh ganz schnell um!“ gehört dazu, natürlich: „Was war das?“ in sämtlichen Variationen: „Hast du das eben auch gehört?“, „Bist du da jetzt wo drübergefahren?“ oder „Was stinkt hier denn so?“ Fulminanter Höhepunkt jeder Fahrt ist dann ein herzhaftes: „Oh Gott, wir werden alle sterben!“
Der Adventure-Scout ist dann für jene, die der Routine entkommen wollen. Man kann den Zeitrahmen eingeben, ob eine Stunde oder mit Übernachtung irgendwo in der Pampa. Der Scout schlägt permanent Abkürzungen vor – und wir alle wissen, wie so etwas endet – nur nicht, wo. In einer Frequenz, die zuvor eingestellt werden kann, würgt sich der Motor regelmäßig selbst ab, das gibt dann den Kick, ob man es noch zum Seitenstreifen schafft.
Der deutsche Tourist will vor allem eins: Nett einkehren und sich auf Parkplätzen die Beine vertreten. Davon inspiriert, macht dieses Navi auf jeden Gasthof aufmerksam, der am Weg liegt. Mehr noch: Es lotst dich dorthin. Alle paar Kilometer gibt es einen Fotostop an interessanten Plätzen wie der örtlichen Kläranlage oder dem Hofladen von Bauer Huber. Während der Fahrt erzählt das Navi dann, dass der Kaffee beim letzten Stop wirklich grauslich war, dass man Österreichern nicht trauen darf und dass so viel weniger Leute unterwegs sind als im letzten Jahr, aber immer noch zu viel.
Das antiautoritäre Navi lässt auch deine Meinung gelten: „Also ich würde hier links abbiegen, aber wenn du weiterfahren willst, ist das auch in Ordnung.“
Die Domina ist da weniger verständnisvoll: „Bieg ab, du Sau!“ „Bist du zu blöd, den Blinker zu setzen?“ Am Ende dann: „Das war’s, du nutzloses Teil. Steig aus.“
Für Action-Fans gibt’s das Fluchtauto-Navi, dass generell gegen die Fahrtrichtung in Einbahnstraßen lotst. Und für politisch Korrekte das EE, das ethisch einwandfreie:
Ich möchte in die Schwarzstraße.
Sorry, das können Sie so nicht sagen.
Wieso, so heißt die doch.
DIE, genau. Die Straße ist weiblich. Also muss es heißen: Sträßin.
Und rechts abbiegen, das geht mit diesem Navi natürlich gar nicht.
Der unzuverlässige Erzähler ist in der Literatur eine beliebte Perspektive. Denken Sie an die Blechtrommel von Günter Grass oder eigentlich alles von Dieter Bohlen. Als Navi wär er unschlagbar: „Hier dann abbiegen in den Frühlingsweg. Ja, ich weiß, dass hier Lenzstraße steht, aber das kommt im Grunde aufs Gleiche raus, oder?“ Und: „Ich erinnere mich … ich war schon einmal hier, das war 2019, oder war es 18, kurz nach der Schweinepest. Damals standen hier lauter Kühe rum.“ Und nach dem Abbiegen, das er angeregt hat, fragt er: „Ob das wirklich so eine gute Idee war?“
Sein Kollege ist der Spannungserzähler, der hat alles drauf vom unheilschwangeren Schweigen, wenn man gerade an eine unübersichtliche Kreuzung kommt, bis hin zur düsteren Antizipation: „Noch ahnte sie nichts Böses, als sie in die Straße einbog.“ ODER „Er wusste nicht, dass diese Fahrt seine letzte sein könnte.“
Sehr beliebt wird garantiert der Motivations-Coach, der dich während der Fahrt anfeuert: „Du schaffst das!“, „Mach jetzt einfach einen U-Turn, ich glaub an dich!“. Wenn du wo auffährst, tröstet er dich, dass du immerhin dein Bestes gegeben hast. Er ermuntert dich ständig zu Individualität: „Richte dich nicht nach den anderen; finde deinen eigenen Weg. Fahre, als würde niemand zusehen.“
Regelrecht therapeutisch wird es dann beim Ex-Navi. Man lässt die Freundin oder den Partner die Texte einsprechen, solange man sich noch gut findet: „Woran denkst du gerade?“, „Schatzi, hätten wir hier nicht abbiegen sollen?“, „Da, eine Parklücke. Nein, fahr weiter, da kommst du eh nicht rein.“ Oder: „Du siehst schon, dass die Ampel da vorn rot ist, Liebling?“ Später erinnert das Navi einen daran, warum die Trennung das Beste war, was einem passieren konnte.
Der Verkaufsschlager wird sicher „Dein esoterischer Wegbegleiter“. Bei der Zieleingabe erinnert er dich daran, dass der Weg das Ziel ist. Er fragt dich: „Hast du das Gefühl, vor jemandem oder etwas fliehen zu müssen?“ Und dann gibt er zu bedenken: „Du weißt ja, dass du dich selbst immer mitnimmst, wohin du auch gehst.“ Und mitten während der Fahrt bleibt das Auto dann stehen, und er will wissen: „Bist du dir eigentlich bewusst, dass du bereits am Ziel warst, bevor du überhaupt aufgebrochen bist?“
Mein Favorit: Das depressive Navi
Bei der Zieleingabe fragt er: Wozu willst du da hin?
Und später: Glaubst du, dass es da besser ist?
Wirklich?
Wir könnten hier links abbiegen, aber das macht eh keinen Unterschied.
Spar dir den Sprit. Besser noch: Nutze die Abgase. Hast du einen Schlauch im Kofferraum?
„Vergebe mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Meine letzte Beichte…“
Ein gequältes Stöhnen jenseits der Abtrennung.
„Vater? Ist alles in Ordnung?“
„Jaja, alles in Ordnung, tiptop, meine Tochter. Fahre fort.“
„Äh… vergebe mir, Vater, denn ich habe…“
„Gesündigt, jaja. Was man halt so sündigen nennt. Ich kann’s schon nicht mehr hören!“
Betretenes Schweigen.
„Verzeih, meine Tochter. Was hast du denn angestellt? Einem Radfahrer die Vorfahrt genommen? Bei der Diät geschummelt? Mit deinem Chef geschlafen, um befördert zu werden?“
„Haha, wenn Sie meinen Chef kennen würden…“
„So alt und häßlich? So glücklich verheiratet?“
„So schwul!“
„Das ist keine Sünde mehr. Nicht einmal das. Banalitäten, alles miteinander. Ich höre hier nichts, was ich nicht schon im Vorabendprogramm gesehen hätte.“
„Aber bei einer Beichte geht es doch nicht um den Unterhaltungswert! Sondern um die Befreiung von Sünde durch Reue und Buße und Vergebung.“
„Das mit der Sünde ist aber recht inflationär, meinen Sie nicht? Was letzte Woche eine war, ist heute keine mehr. Ehebruch? Geschenkt. Falsches Zeugnis? Kaum noch ein Kavaliersdelikt.“
„Aber Vater, es gibt doch die Todsünden! Für die ist Christus am Kreuz gestorben.“
„Heute machen Leute das freiwillig, wussten Sie das? Kam neulich im Fernsehen. Die lassen sich an Kreuze binden und auspeitschen, weil sie das sexuell stimuliert.“
„Das mit dem Auspeitschen haben die Katholiken doch schon immer so gemacht.“
„Zur Buße für echte Sünden, meine Tochter. Aber was ist denn heutzutage noch eine Todsünde?“
„Äh… Mord und Todschlag? Völlerei?“
„Und, haben Sie in letzter Zeit jemanden umgebracht? Oder ihn gegessen? Und selbst wenn Sie es getan hätten: Dann kommt irgendein Psychologe daher und erklärt, dass Sie gar nicht anders konnten, weil Sie als Kind nie Nachtisch bekommen haben. Die Welt geht vor die Hunde. Keiner nimmt mehr irgendwas ernst. Kein Respekt vor irgendwas.“
„Aber natürlich! Es gibt doch noch so viele Tabus. Zum Beispiel das Beichtgeheimnis. Sie würden doch nicht dahergehen und irgendjemandem erzählen, was ich gebeichtet habe?“
„Dass Sie mit Ihrem schwulen Chef geschlafen haben, würde ja wohl niemanden überraschen.“
„Ich habe doch gar nicht…“
„Früher hatten die Leute noch Respekt. Aber wenn heute jemand einen Altar schändet, macht er ein Foto davon und stellt es auf Finstergramm und dann ist es auf einmal Kunst!“
„Wird das heute noch gemacht? Schänden die Leute Altäre?“
„Die machen noch ganz andere Sachen. Wir haben schon benutzte Kondome auf dem Friedhof gefunden.“
„Das ist ja unglaublich!“
„Wo doch alle wissen, dass wir gegen Verhütung sind.“
„Also das mit dem Tabu…. also wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, dass ich Ihren Kollegen neulich mit einem Ministranten gesehen hätte…“
„Dann würd ich das nicht glauben. Der hat was mit der Gemeindeschwester.“
„Ach, das wusste ich gar nicht. Aber wenn er jetzt etwas mit seiner eigenen Schwester hätte… Inzucht ist doch immer noch ein Tabu, oder?“
„Kennen Sie immer die Eltern Ihrer Liebhaber, meine Tochter? Wie können Sie wissen, dass Sie nicht irgendwie miteinander verwandt sind – bei den ganzen Adoptionen und Samenspenden und Kuckuckskindern und Gott weiß was?“
„Da ist was dran. Also hab ich nichts zu beichten?“
„Neulich, meine Tochter, hab ich gesehen, wie Sie sich aus dem Opferstock bedient haben.“
„Ich musste in der Nebenstraße parken und hatte kein Kleingeld für den Automaten. Außerdem hab ich am Sonntag gespendet.“
„Geschenkt ist geschenkt, wieder holen ist gestohlen.“
„Ist das jetzt eine Sünde, und krieg ich jetzt die Absolution?“
„Natürlich, meine Tochter. Ego te absolvo. Gehe hin und sündige halt nicht mehr. Und das mit der Gemeindeschwester bleibt unter uns, versprochen?“
ich grüße aus chiang mai, DEM club mediterranee asiens. hier gibt es alles, und zwar in fülle: dieses angebot! diese auswahl! diese annehmlichkeiten modernen globalen lebens – alles unter dem berüchtigten dach aus feinstaub, das sich gerade bildet, weil die bauern im norden ihre felder abbrennen. nicht nur ich kehre der stadt den rücken – voll erstaunen darüber, wie gut mir die letzten zweieinhalb wochen hier gefallen haben. ich bin in einem schicken hotel-appartment im norden der stadt für kaum geld, weil von langzeitmietern abgelöst – weit draußen, was meinen roller rechtfertigt, denn ohne ginge gar nichts.
wenn ich mich durch geschicktes lückenfahren an die spitze einer fahrzeugschlange, die sich vor JEDER ampel bildet, navigiert habe und dann im vorderen drittel des feldes mit den anderen zweirädern losbresche, sowie es grün wird … wenn ich fröhlich hupe, um dann festzustellen, dass ich die einzige bin, die diese form nonverbaler kommunikation nutzt … wie ich auch die einzige bin, die „blink halt, du hirsch!“ oder „was soll denn das, schnuckl?“ den anderen verkehrsteilnehmern zurufe … wenn ich eine abbiegung verpasse (weil die route vorher auf google maps studiert, was keine auskünfte über straßenbeschaffenheit und abbiegeverhindernde plastikschranken gibt. oder weil ich glaube, es könnte eine abkürzung sein) und dadurch neue ecken der stadt auf stundenlangen „hier müsste es doch rübergehen“-fahrten erkunde … wenn ich mir das singen während des fahrens nicht verkneifen kann (dreamers ball, absolutely bill’s mood oder biene maya gerade)… dann macht mir das einfach sehr viel spaß. kaum vorstellbar, dass ich vor zwei jahren wegen des mörderverkehrs hier nach laos geflüchtet bin!
eine anekdote noch: ich wurde von einem polizisten beim tha pae gate aus dem verkehr gezogen – war darauf vorbereitet, das machen sie mit den farang gerne. hatte natürlich keinen lappen dabei (ich besitze gar keinen internationalen), ABER zückte ohne zu zögern meinen PADI tauchausweis. „bitte dreh ihn nicht um“, dachte ich die ganze zeit, denn während es von vorne durchaus als deutscher ausweis durchgehen könnte, irritieren doch die bunten fische auf der rückseite. der polizist drehte um. gab mir trotzdem das kärtsche wieder zurück und ließ mich weiterfahren. 😀
doch jetzt hatte ich genug „neutrale zone“ und „auf nix mehr emotional einlassen.“ bin frisch gestärkt und etwas vom luxus gelangweilt. noch ein croissant, ein apple cidre, eine pediküre – dann schleppe ich mich und meinen mittlerweile zum besten gefüllten rucksack (ich finde in wirklich jedem land geile schuhe) zu tempeln und stränden.
jetzt habe ich endlich tupfenfell gesehen in der wunderwelt des yala nationalparks – sogar zweimal. ich kann gar nicht beschreiben, wie faszinierend das alles ist: unerwartet voller blüten, dominiert vom gesang so vieler vögel, trocken savanne imitierend und dann wieder ein grünes wasserloch voller seerosen, zwischen denen sich ein fotogener elefant samt dekorativ weißen kuhreihern in pose wirft. hitze, langeweile, aufregung! gestern durfte ich sogar den ersten jeep meines lebens über die dreckpiste manövrieren. keine billigen sitze für safari-wiederholungstäter! 😀
und weil ich schon so lange hier war, hab ich auch mitgekriegt, wie die einheimer leben: von der hand in den mund nämlich, während sie zuschauen, wie unsereins nebenher ein abendessen verschlingt, das (ohne getränke) soviel kostet, wie sie – mit glück – an einem tag verdienen. leider nicht jeden tag. jedes lokal, das nicht zu einem hotel gehört, ist bedrückend einfach, um nicht zu sagen wirklich schäbig, mit kahlen wänden, plastikstühlen, zeitungspapier als servietten. kein konsumparadies wie bei uns, sondern auf lebensnotwendigkeiten beschränkt: werbung im fernsehen gibt es fast nur für billige ware wie seife und waschpulver. shampoo kauft man portionsweise für das bad im fluss oder see, das hier ausgiebig zelebriert wird. (ich war auch schon drin, wie sich’s gehört proper angezogen – da die fische immer mit weißbrotresten gefüttert werden und ich in der farbe doch recht ähnlich bin, wurde ich ein paarmal versuchsweise angenagt.)
zu viele menschen versuchen, vom tourismus zu leben – wovon sonst? die leute vor ort werden von investoren aus colombo und umgeschulten farmern aus dem geschäft gedrängt. ende 2018 war der park wegen wassermangel für zwei monate geschlossen; im dezember blieben dann wegen der unsicheren politischen lage die touristen aus. und sowie es anfängt zu regnen, ist das geschäft vorbei. dann heißt es schulden aufnehmen (aktuelle rate der dame im dorf, die onkel dagobert imitiert: 20 %), um essen zu kaufen und die finanzierten jeeps zu bezahlen. man lässt anschreiben, wo es nur geht. und kauft oft genug vom verdienst eine flasche arrak – weil was sonst? (für mich nicht mehr, danke!)
nach tissa kommen leute für die safari, nur ein oder zwei nächte. das ist ein anderes leben als in touri-orten, wo ein ständiger strom von touristen durchs feld tappst. das meiste geld – ohne große leistung – verdienen diejenigen, die kunden bringen. die meisten touris buchen pauschal vorneweg – die werden dann zu sechst in die „farmer“-jeeps gesetzt, deren fahrer keine ahnung vom dschungel haben, sondern auf anrufe von scouts reagieren, die vom veranstalter fürs ausspähen der leos bezahlt werden. wenn ein chauffeur, der touristen über die schöne insel fährt, denen eine safari vermittelt, verdient er damit eine kommission – und wesentlich mehr als der, der die safari fährt. der markt ist heiß umkämpft. ich habe mitbekommen, dass einer der großen betreiber überlegt, einen konkurrenten, der ihn bei einer agentur preislich unterbietet, auf maffia-art loszuwerden. das ist wohl nicht allzu teuer. (zu mir sind alle zum glück sehr freundlich, bis auf die fische …)
ich frage mich, wie dieses leben so ist. es als „arm, aber glücklich“ zu bezeichnen wäre bitterer zynismus. wenn ich dort bin, wo viele touris sind, lenken cafés und pubs und tralala doch sehr von den realitäten des lebens ab. in diesem wissen erfahre ich die freundlichkeit der leute als ein echtes geschenk. und ich habe schon lang keine solchen kinder mehr gesehen: als babies sind sie zierlich bis filigran, perfekt in ihrer winzigkeit – und fremdeln nicht. niemals. kein einziges mal. sondern lachen und strahlen. als größere kinder sind sie ernst, aber sofort bereit, auf ein lächeln zu reagieren. neugierig, doch zurückhaltend. im alter dazwischen reden sie unbekümmert auf sinhala auf einen ein, weil es ihnen nichts ausmacht, dass man eine andere sprache spricht.