Die 12 Kulinarzeichen

Die 12 Kulinarzeichen

Eisbein

Beim Eisbein geht Tradition harmonisch mit Völlegefühl einher. Was ein Eisbein nicht kennt, isst es nicht; was es kennt, hat selten Zeit, das Haltbarkeitsdatum zu erreichen; und was es isst, kann es nur schwer verdauen. Ein Eisbein fühlt sich erst satt, wenn es einen komaähnlichen Zustand erreicht hat, der durch den Genuss diverser Schnäpse (die als Medizin gelten) unterstützt wird. Typische Eisbeine haben einen Onkel, der trotz hemmungsloser Völlerei bei bester Gesundheit erst im Alter von 72 an einem Herzinfarkt gestorben ist – noch bevor ihn sein Darmkrebs kriegen konnte.

Stangensellerie

Charakteristisch für dieses Zeichen ist der Eifer, mit dem es von seiner Ernährungsform erzählt und andere Kulinarzeichen davon überzeugen will, dass sie sich falsch ernähren. Obwohl Stangensellerie deshalb von Kulinarzeichen wie Fritte und Eisbein gemieden oder gar angefeindet wird, tritt er selten zurückhaltend oder gar reflektiert auf. Seine Beharrlichkeit und das Geschick, mit dem er jedes Gespräch auf die Vorzüge pflanzlicher Kost bringen kann, können durchaus als Pluspunkte gewertet werden. Ihre Überzeugung wird gegen Angriffe von außen (z.B. Bemerkungen wie »Wirklich?«) vehement verteidigt.

Fritte

Fast-Food ist einer Fritte nicht schnell, Convenience-Food nicht bequem genug. Im Idealfall gilt: Packung aufreißen und reinbeißen! Alles, was diese Formel erweitert – wie einrühren oder aufwärmen – lehnt die Fritte als »völlig übertrieben« ab. Sie mag es unkompliziert und lebt von der Hand in den Mund. Für dieses Zeichen sind unmittelbare Zugänglichkeit und Glutamatgehalt ausschlaggebende Kriterien für gutes Essen. Eine Fritte erkennt man an den schnellen Augenbewegungen, mit denen sie ihre Umgebung auf Nahrungszugriffsmöglichkeiten hin abscannt, und dem leichten Zittern ihrer Händen, die jederzeit bereit sind, nach Finger-Food zu greifen.

Praline

Die Praline ist (ihren Lieblingssorten) treu ergeben und genügsam, solange nur reichlich von ihrem Soul-Food vorhanden ist. Sie ist meist gut gelaunt und hat nur eine Sorge: dass ihr der Zuckerstoff ausgehen könnte. Wird er ihr über einen längeren Zeitraum (> 15 Minuten) vorenthalten, kann die ansonsten so harmoniebedürftige Praline zur aggressiven Furie werden. Eine typische Praline überrascht mit einer Vielzahl an Paradoxien: Sie beschäftigt sich sehr mit den Folgen ihres Essverhaltens, ohne dieses dabei jemals in Frage zu stellen. Und sie liebt Menschen, würde aber für den richtigen Schokoriegel jede Freundschaft opfern.

Stör

Dem Stör gilt Essen als Statussymbol: Wenn Pasta, dann nur getrüffelt, von italienischen Nonnen handgezwengelt und in Weihwasser gekocht. Alles, was es auch im Discounter geben könnte, wird konsequent von der Speisekarte verbannt. Wie kein anderer kann ein Stör echten Schampus von billiger Supermarktware unterscheiden – wenn nicht am Geschmack, dann am Preisetikett. Ein Stör isst ungern allein: Wenn niemand sehen kann, welch hochpreisigen Lebensmittel er stilvoll vertilgt, spart er sich lieber gleich die Mühe. Die meisten Kalorien verbraucht dieses Zeichen, wenn es kulinarischen Trends wie Dubai Schokolade oder Bubble Tea hinterherjagt.

Ketchup

Man erkennt dieses Zeichen am reflexhaften Griff zum Salz, noch bevor es einen Bissen gekostet hat. Das Ketchup ist gleichzeitig schwer und leicht zufriedenzustellen. Zwar moniert es bei jeder Gelegenheit die Qualität seines Essens, ist jedoch auf der Stelle ruhig, sobald alles so schmeckt wie immer. Verschiedene Geschmacksrichtungen verunsichern das Ketchup und überfordern seine leicht irritierbaren Sinne. Diese Eigenschaft macht es zu einem sehr dankbaren Gast, da aufwendige Gerichte und Raffinesse unnötig werden. Ähnlich wie bei Eisbein gilt auch hier die Quantität als wesentliches Kriterium eines guten Essens: Viel ist gut, mehr immer besser!

Salat

Der Salat kann spontan Energiegehalt, glykämischen Index und Darmverweildauer jedes Nahrungsmittels nennen, tut das aber aufgrund seines meist niedrigen Blutzuckerspiegels nur widerwillig und in extrem gereizter Art. Eine seltsame Eigenschaft des Salats ist zudem, dass er eigentlich nie so gesund oder energievoll aussieht, wie er sich nach eigenen Aussagen fühlt. Angehörige dieses Kulinarzeichens definieren sich in erster (und schlanker) Linie über das, was sie NICHT essen.

Nudel

Dieses Zeichen zeichnet sich durch Flexibilität aus, mit der es durch die Kostformen wechselt; durch den Fantasiereichtum, mit dem es jede Ernährungslehre in den Alltag integriert; und schließlich durch den Hang zum Fanatismus, mit dem es die neuen Erkenntnisse nach außen trägt. Mit dem Staudensellerie und der Vitaminkapsel liegt er im unregelmäßigen Wechsel mal über Kreuz, mal auf einer Wellenlänge. Eigene kulinarische Vorlieben, die länger als drei Wochen anhalten, und individuelle Verträglichkeiten kennt die Nudel nicht. Sie erfährt, was ihr gerade schmeckt, aus der Fachliteratur (sämtliche Lifestyle-Magazine).

Vitaminkapsel

Dieses Zeichen ist ein Tüftler, und der Inhalt seines Tellers stellt einen biochemischen Bausatz dar. Perfekt auf die Tagesform abgestimmt, stellt die Vitaminkapsel sicher, dass sie sämtliche Nahrungsoptimierer, Rülpsblocker und Enzymbeschleuniger bekommt, die sie braucht. Die tägliche Stuhlanalyse gehört bei diesen gewissenhaften Zeitgenossen ebenso zum Essen wie … das Essen selbst. Treffen sich zwei Vitaminkapseln, kommt es oft zu Konflikten, wenn es darum geht, wer die tägliche Ernährung noch einen Ticken effizienter und stoffwechseloptimierter gestalten kann.

Döner

Einem geschenkten Gaul schaut ein Döner nicht ins Maul: Er frittiert ihn und schiebt ihn sich in den Mund. Eine Mahlzeit, die er nicht selbst kocht und im Idealfall auch nicht zahlt, ist immer eine gute Mahlzeit! Lebensmittelunverträglichkeiten kennt der Döner nur, wenn er dadurch an einen Extrahappen kommt, und Völlegefühl ignoriert er, bis der Arzt kommt. Man trifft Döner oft an den Probierständen im Supermarkt, auf Vernissagen oder Feiern ihnen fremder Familien.

Kalorienshake

Der Kalorienshake betrachtet Essen neutral als »Nahrungsaufnahme«, die zuverlässig den Energiebedarf des Organismus deckt. Geschmack betrachtet er als irrational und subjektiv und daher als vernachlässigbar. Der Kalorienshake isst nur, wenn er Hunger hat. Sonst nicht. Weder aus Langeweile, Frust, Geltungsbedürfnis, zum Trost, zur Belohnung oder Veranschaulichung der eigenen Weltanschauung, zur Ablenkung, zum Muskelaufbau oder zur spirituellen Erkenntnis. Auf die anderen Kulinarzeichen wirken Kalorienshakes deshalb zuweilen irritierend, und oft wird ihnen die Eignung zum Überleben in einer modernen Konsumwelt abgesprochen.

Bittergurke

Gute Vorsätze oder der 9. Januar

Gute Vorsätze oder der 9. Januar

Kürbissuppe

Kürbissuppe

Heute geht er zu Ende, der goldene Oktober, der uns dieses Jahr so schmählich im Stich gelassen hat. Kaum hielten wir die müden Häupter hungrig in die milde Herbstsonne, hat uns scharfer Wind kalten Regen ins Gesicht geklatscht. Und wir haben gemerkt, dass die so berühmten bunten Blätter nur dann schön sind, wenn man sie aus der Distanz betrachtet – und nicht, wenn man sie aus dem Schal schälen oder dem Dekolleté klauben muss.

Wir sind mittendrin in der Zeit, in der man HYGGE betreibt, als ob’s kein Morgen gäbe. Kennt ihr? Die Frauenzeitschriften waren mal voll davon: Daheim bleiben und in flauschige Decken kuscheln, Tee trinken, der so abartig aromatisiert ist, dass er im Dunkeln leuchtet, und ganz viele Teelichter anzünden.

Profitipp: Wenn man ein wenig Schnaps in den Tee kippt, nur halb soviel, weil man die dann ja doppelt sieht.

Aber morgens ist es dunkel und kalt, nachmittags wird es dunkel und kalt, und die einzige Aussicht, die wir haben, ist die, dass es noch dunkler und kälter wird.

Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, kommen jetzt alle daher und pesten einen mit ihrer Kürbissuppe.

KÜRBISSUPPE! Wenn ich das Wort nur höre! So ein Kürbis kann ganz hübsch sein, ohne Frage, die Farbe ist sehr schön, die Form ansprechend. Ausgeschnitzt und mit weiteren Teelichtern befüllt – wir sehen hier ein Motiv – kann er die dunklen Nächte erleuchten. Und wenn man mag und gar nichts anderes da ist, kann man ihn auch essen, denke ich.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Gemüse. Aber Kürbis, das ist eine Farbe und eine Form. Roh ist er nicht genießbar, und gekocht, gebraten, gedämpft oder gebacken hat er die Konsistenz von Babybrei. Der Geschmack? Wird locker von der Farbe übertönt.

Aber sowie es Herbst wird, hebelt sich irgendwas in den Gehirnen der Menschen aus, und alle fangen an, einem ihre Kürbissuppe aufzuschwatzen, wie Sauer Bier.

Als wäre es der Gipfel kulinarischen Könnens, einen Kürbis – botanisch betrachtet übrigens eine Beere – zu Pampe zu zerkochen und dann noch zu pürieren. Hui hui, Haute Cusine.

Das ist ein wenig so wie die Leute, die bei Zimt sofort sagen: „Das riecht wie Weihnachten.“

Zimt scheint das einzige Gewürz zu sein, dass die Leute mit Weihnachten assoziieren – und mit nichts anderem. Kulinarische Ignoranz, würd ich mal sagen.

Jetzt also: „Oooh, goldener Herbst, und ich tu Muskatnuss in die Kürbissuppe, weil ich ein Knecht der Jahreszeiten bin.“ Saisonales Kochen schön und gut – aber hey. Es gibt auch anderes „Gemüse“ in dieser Jahreszeit.

Ich bin in meinen langen Jahren noch nicht einer Kürbissuppe begegnet, die mich überzeugt hätte. Nicht einer. Aber wenn man das den Leuten sagt, diesen Herbst-Starköchen, sagen ALLE: „Na, du hast meine halt noch nicht probiert.“

Und ich sage dann: „Hab ich nicht, muss ich auch nicht. Deine ist nicht anders als die Hunderte, die vor ihr kamen.“

Damit ist der fehlgeleitete Ehrgeiz dieser Leute gepackt. Da hört man dann:

– Also ich geb immer Kokosmilch in meine. Das ist köstlich.

– Das Geheimnis ist Orangensaft.

– Seit ich einen Schuss Sherry in meine gebe, schmeckt die sogar meinem Mann / der Schwiegermutter / den Kindern im Vorschulalter.

– Ich nehme Fischfond. Das ist ganz was anderes.

Nein, ist es nicht. Kürbissuppe sieht einfach aus wie etwas, womit man die Wände streichen sollte. Schmeckt auch nicht viel interessanter. Und wenn ich sage, dass etwas „interessant“ schmeckt, dann ist das nicht Verbalkosmetik für „Der Hunger treibt’s runter und die Geschmacksknospen wieder rauf.“

Nein, dann meine ich das so: interessant ist gut. Etwas Neues, nicht Naheliegendes. Etwas Bereicherndes. Etwas Anregendes. Etwas, das Neugier weckt und vielleicht auch die detektivischen Fähigkeiten herausfordert.

Spannender als Toastbrot. Aufregender als Käse aus der Plastikpackung, der eine rein stoffliche Erfahrung ist. Prickelnder als die geheime Zutat von Mama Mirakuli.

Die sicher jetzt mit Kürbisrisotto daherkommt. Risotto! Der Milchreis unter den Hauptgerichten. Das Seniorenmenü, das man auch zum Ausbessern der Fliesenfugen im Bad hernehmen kann. Da kombiniert man langweilig mit banal. Beides unbegreiflich überbewertet.

„Es kommt halt drauf an, wie man es würzt“, sagen da die Köche pikiert. Das Argument bringen sie auch bei den wattigen Auberginen mit der zähen Haut, die ebenfalls nur Form und Farbe sind, aber kein Gemüse. Übrigens auch aus botanischer Sicht eine Beere.

Ja, es kommt immer drauf an, wie man würzt. Alles, was hierzulande über Salz, Pfeffer und Maggie hinausgeht, wird ja schon auf der gutbürgerlichen Speisekarte erwähnt.

Oder ist Zimt und erinnert an Weihnachen.

Ich könnte auch meinen Spülschwamm so würzen, dass er lecker schmeckt. Aber ich mach es nicht. Ebensowenig, wie ich freiwillig Kürbissuppe essen würde. Weil es einfach keinen Sinn macht, und weil es irgendwo auch Grenzen gibt.

Da kannst du mit Familienrezepten wedeln, die seit Jahrhunderten in deiner Familie sind und die du selbst deiner Oma im Todeskampf aus der gichtigen Hand gewunden hast.

Da kannst du soviel Sherry in deine Suppe kippen, dass es eine Bowle wird, und ich fress sie nicht.

Da kannst du sagen, dass es Kürbis in einer unglaublichen Vielfalt gibt, 800 Sorten mit unterschiedlichen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen.

Und ich sage: Die Geschmacksrichtungen gehen von erschreckend langweilig über qualvoll nichtssagend bis hin zu abstoßend beliebig.

Da wundert es nicht, dass Kürbis zum Symbol für Halloween geworden ist.

Es gibt tatsächlich nur eine Verwendung von Kürbissuppe, die mir einleuchtet. Gesund und saisonal, wie es sich gehört.

Man könnte beim ersten Anzeichen einer Erkältung ein Fußbad in heißer Kürbissuppe machen. Ja, das erschließt sich.

Reisen mit Mr. Marcos

Reisen mit Mr. Marcos

Als er in Hoi An ankam, hatte er Übergewicht. Also nicht er, wie er gern betont – sondern sein Gepäck. Ein Blick darauf beantwortete sämtliche Fragen: drei Liter Sonnenschutz, auf fünf Flaschen verteilt, Insektenspray und Zeckenabwehrmittel, ein Keyboard und noch die Mitbringsel, um die ich ihn gebeten hatte. Tortellini, Gnocchi, Olivenäöl und Kaminwurzen, um uns für die vielen Einladungen zum Essen zu revanchieren, zehn Packungen Haribo, um etwas „typische deutsches“ zu verschenken (gibt’s hier an jeder Ecke) sowie Tempos, jede Menge Tempos.

Anfangs fuhr er noch hinten auf meinem Mofa mit. Inzwischen hat er sich selbständig gemacht und fährt den ganzen Tag Hoi An und sein Umland ab – so versiert, dass ich mich wirklich fragte, ob ich ihm ggf. tatsächlich Unrecht damit getan haben sollte, hier zu verbreiten, dass er keinen Orientierungssinn habe und wir deshalb nicht abgelegen wohnen könnten („der findet doch nie wieder heim sonst!“). Dann verriet er mir, dass er die Navi-Uschi als Knopf im Ohr hat. Das ist dann doch eleganter als meine Methode (fluchend ranfahren, das Handy aus dem Bauchbeutel ziehen und ratlos in sämtliche Himmelsrichtungen schauen).

Wenn er nicht fährt, geht er zum Strand und schläft dort ein bisschen, sagt er. Oder er geht in den Haushaltsfachbedarf, um dort winzige Handtücher zu kaufen, die dann, befeuchtet und mit Lemongrass-Aroma getränkt, im Kühlschrank auf ihren Einsatz warten. Wie im Flieger, sagt er. Obwohl er ansonsten sehr vieles als „fancy schmancy“ ablehnt. Z.B. die Cafés, in die ich zum Arbeiten gehe. Da lege ich dann gerne das dreifache für einen Kaffee hin, als wir in „Miss Tam’s Coffee Number 1“ am Ba Le Market bezahlen. Und wo es leider keine Nudelsuppe für 80 cent gibt.

Er schaut sich all die „Sights“ an, die ich mir, obwohl schon zum dritten Mal hier, bisher geschenkt habe: das Pottery Village, die Coconut Boat Touren … Die beschreibt er hinterher mit einem Wort: Touri-Fallen. Ich mein halt: Wenn ich hier zwei Monate oder auch nur fünf Wochen lebe, bin ich so gut wie ein Einheimer und muss mir das nicht antun.

Womit mich mein platonischer Freund immer wieder in Erstaunen versetzt, ist seine latente Bereitschaft, alles mit seinem Lieblingsurlaubsland zu vergleichen. „Das ist ja wie in Kroatien“, meint er wenigstens jeden zweiten Tag. Mir war nicht bewusst, dass so viel Ähnlichkeiten zwischen Südostasien und dem Balkan bestehen, aber man lernt ja gern dazu. Im Sommer begleite ich ihn vielleicht dorthin, und dann werd ICH bei jeder Gelegenheit tönen: „Das ist wie in Vietnam!“.

Da freu ich mich schon drauf! 🙂

Mein Garten, Schiller und ich

Mein Garten, Schiller und ich

Bis vor kurzem war es noch so: Die Natur war draußen, während ich drinnen war und so getan habe, als würd ich arbeiten. Ab und zu hab ich geguckt, was sie so treibt. Meistens war sie immer noch draußen. Bei dieser Gelegenheit hab ich dieses Jahr auch erstmals Bärlauchpesto gemacht.

Und dieses Pesto hat wohl auch den Ausschlag gegeben, dass ich meinen eigenen Backstage-Pass zu Mutter Natur bekommen habe. Ein Parzellen-Paradies mit Blick auf den Olympiaturm. Mein persönliches urbanes Arkadien. Das ist, wie die Kulturchecker wissen, nicht nur eine griechische Landschaft, sondern auch der „liebliche Ort“ der Glückseligkeit in der antiken Literatur. Da, wo Hirten hinter Herden und Nymphen hinter Pan herjagen. Bis der alte Geißengott dann erschöpft in der Mittagshitze unter einen Olivenbaum sinkt und die Nymphen Bier holen schickt.

Ich habe jetzt also ein Outdoor-Kreativbüro, wo ich Oden an mein Gemüse schreiben kann, wie Ringelnatz einst auf die Kartoffel und Wilhelm Busch auf die Bohne (daher auch der Name „Buschbohne“). Goethe, der alte Poser, hatte sich auf die Artischocke eingeschossen, obwohl er sie anfangs noch für eine hässliche Distel hielt. Das erinnert ein wenig daran, wie ich neulich in der Berufsschule für Gartenbau stand mit einem Topf mit rot-grünem Blattwerk in der Hand und fragte, ob es sich dabei um Pflücksalat handle. Der Verkäufer lachte herzhaft – und lang – und sagte, es sei Mangold. Ich erklärte, dass ich noch nicht lange dabei sei. Er daraufhin: „Das wär mir jetzt nicht aufgefallen.“ Doch im Garten ersetzt Enthusiasmus konkretes Sachwissen. Das ist jetzt in anderen

Bereichen, etwa der Medizin oder der Politik, idealerweise anders. Oder eben auch nicht, und dann fehlt beides. Und es gibt ja auf Youtube Videos für schlichtweg alles: Hochbeete aus Kinderspielzeug, Lobotomie selbst gemacht mit einfachem Küchengerät, Wärmekissen aus Nachbars Katze.

Inzwischen spreche ich fast fließend botanisch, kenne Wörter wie Grünschnitt und Karbidstein und nenne Unkräuter brav Beikräuter, weil politisch korrekt. Ich pflanze übrigens sehr viele Beikräuter an und kann nicht jäten, weil ich sie von den anderen, den Nutz- oder Erstkräutern, noch nicht unterscheiden kann. Das verkaufe ich den Nachbarn gegenüber als gewollt und ebenfalls politisch korrekt. Ich bin halt tolerant. Nur Nacktschnecken verdienen kein Erbarmen.

Früher hat meine Mutter vor der Gartenarbeit noch zu mir gesagt: „Versuch halt, nicht ganz so laut zu schreiben, wenn du einer Schnecke begegnest.“ Heute zücke ich die Gartenschere, ohne mit der Wimper zu zucken. Nur noch selten wird mir hinterher übel, wenn das Gedärm aus dem Tier herausquillt. Dermaßen animiert, überlege ich mir, dass ich jetzt permanent mit potentiell tödlichen Tatwaffen hantiere: Draht, Gartenkralle, Mistgabel… von den Sägen für Astschnitt und Häcksler-Maschinen ganz zu schweigen. Das Heckenscheren-Massaker von München ist nur eine dumme Bemerkung des Gartenbau- Verkäufers entfernt.

Ich denke, dass ich mit Leichtigkeit vier oder fünf Leichen in meinem Schrebergarten entsorgen könnte: Da, wo der Teich war. Im Kompost. Im Hochbeet. Im Kühlloch. Im Geräteschuppen. Die Blicke meiner Nachbarn jenseits des Maschendrahtzauns gewinnen proportional mit diesen Überlegungen an Bedrohlichkeit, und ich denke: „Der hat doch sicher nur deshalb so schöne Rosen, weil er jemanden darunter verbuddelt hat.“ Als er neulich Besuch hatte, gingen zwei in die Gartenlaube – doch nur einer kam wieder heraus. Und dann denke ich, dass ich statt Gemüseprosa vielleicht lieber Krimis schreiben könnte, im Stil von: „Nur die Wühlmaus war Zeuge.“ Oder Spionagethriller wie „Der Kürbis, der aus der Kälte kam“. Vielleicht auch sozialkritische Romane à la „Wer die Kohlmeise stört“.

Oder vielleicht auch Erotika? Erfolgsbewährte Titel wie „In der Laube der Lüste“, Neo- Klassiker wie „Neuneinhalb Gurken“, zeitgemäße Neuinterpretationen wie „Unterm Tomatendach wird gejodelt“ oder der bewährte Gärtnermädchenreport. Gemüse-Sex wäre

im nachhaltigen, glutenfreien Bio-Zeitalter sicher auch eine lohnenswerte Nische: Topinambur ohne Tabus, Erbsen in Ekstase, lüsterner Lauch, zügellose Zucchini und williger Wirsing.

Es böten sich natürlich auch Ratgeber voll Lebensweisheiten an, denn wir gärtnern, um zu lernen, wie wir auch leben, um irgendwann auf dem Kompost der Ewigkeit zu landen. Willst du den Planeten ändern, so fange beim Garten an – so oder ähnlich hat sich garantiert irgendein fernöstlicher Weiser schon einmal geäußert, Jahrtausende vor der Zeit, als Martin Luther im Glauben, dass morgen die Welt unterginge, Apfelbäumchen gepflanzt hat. Und dann ging die Welt doch nicht unter und er bekam Probleme mit dem Kleingartenvereinsvorstand, weil die Pflanzung nicht den Vorschriften entsprach.

Neuesten Erkenntnissen zufolge stammt der Spruch übrigens nicht von Luther.

Anderen Erkenntnissen zufolge war der alte Untergangs-Paranoiker für 80 % der Obstgärten in und um Wittenbach verantwortlich.

Im Schrebergarten üben wir für eine bessere Welt en miniature. Und wir spielen Gott – an den Tagen wenigstens, an denen wir gießen müssen: Entscheiden, was stehenbleiben darf und was geschreddert wird, was wir düngen und was wir verdursten lassen, wo wir Rasen heilsam über alte Wunden sähen und wo wir mit Marmorkies alles ins Unbewusste verdrängen. Runter von der Couch und rein in den Garten, kann man da nur sagen.

Die Natur wirkt ja auf viele kreativ. Schiller hat seinerzeit geschrieben:

Auch ich war in Arkadien geboren

Auch mir hat die Natur

An meiner Wiege Freude zugeschworen

Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.

Und ich schreibe jetzt:

Die eigene Kartoffel ist nur dann größer, wenn die des Nachbarn kleiner ist.