von martina | 30 Januar 2018 | unterwegs
Zu den Fans der Fußball-Finalen gehöre ich ja nun so gar nicht dazu, aber das ganze Land hier vibrierte beim Finale der Fußballasienmeisterschaft (ist das ein Ding in Europa?). Leider umsonst, trotzdem gute Laune. Hab es mir grade noch so verkneifen können, ein rotes T-Shirt mit gelbem Stern zu kaufen.
Dafür habe ich eine Yoga-12er-Karte gekauft. Mit 15 % Ermäßigung, die ich bekomme, weil ich einen Monatspass für den hiesigen Coworking Space habe. Den ich bei einer silent auction beim Hoi An Social Club für schlappe 1 Mio Dong (statt 4 Mios) ersteigert habe. (Hat sicher geholfen, dass ich mich bedrohlich guckend neben der ausliegenden Liste positioniert hatte.) Zusammen mit meinem Ehrenamt bei der Life Start Foundation (wo ich die Rolle eines Maskottchens einnehme, glaube ich) und meiner „loyalty card“ beim Dingo Deli hab ich hier jede Menge Anker gesetzt. War schon bei zwei Familienfesten eingeladen. Da setzt man sich mit Stäbchen bewaffnet an einen großen Tisch voll Essen und stäbelt sich aus jeder Schüssel das, was man will. Wenn man rundum genudelt ist, darf man dann wieder gehen. Ich find das ganz entspannt!

Bin mittlerweile schon richtig heimisch geworden. Freu mich immer wie ein Schnitzel, wenn ich (Born to be wild singend) auf dem Moped die Reisfelder entlang pflüge und auf ein „Danke“ der Einheimer mit einem neckischen „Da nicht für“ auf vietnamesisch kontern kann. Die Leute kennen mich auch schon (das merke ich daran, wie sie bei meinem Auftauchen gekonnt zur Seite springen (-;), und ich bin soweit, ihre Art des Fahrens nicht mehr als chaotisch, sondern als angenehm zu empfinden (wobei ich bezweifele, dass sie das umgekehrt auch so sehen).
So erfährt man dann auch, was der Reiseführer verschweigt – etwa, dass die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren auffallend gesunken ist, was die Leute auf die minderwertigen chinesischen Nahrungsmittel, die aktuell den Markt fluten, zurückführen. Auch das angeblich organische Gemüse hier auf der Gemüseinsel wird gespritzt, was nur geht. Ich weiß aus Chiang Mai, dass wohlhabende Chinesen Dinge wie Milchpulver für ihre Babies im Ausland einkaufen und sich schicken lassen. China ist schon mehr als fragwürdig, was das Ganze angeht.

Die Vietnamesen sind aber hart im Nehmen, immer schon gewesen. Trotzdem so liebenswürdig: sie tätschelm einem gern Arm oder Rücken, wenn sie mit einem reden oder sich verabschieden. Die Kinder fremdeln nicht, sondern plappern gern fremdländisch auf mich ein. Die lokalen Hunde sind entsprechend: intelligent, bildschön und auch liebenswürdig. Wenn sie nicht gerade nachts gemeinsam bellen, weil grad nichts im Fernsehen kommt.
Wermutstropfen ist das Wetter: Bewölkt, zu regnerisch und zu kühl für die Jahreszeit. Was nicht schimmelt, rostet (meine Sicherheitsnadel in der Jacke!!) – und das soll noch die kommenden drei Wochen (geplante Aufenthaltsdauer hier) so bleiben. Der Strand ist nur zum Gucken gut, da das Meer tobt und tost – badeseegroßen Pfützen auf meinem Weg zur Arbeit – und die letzten beiden Tage war ich prompt erkältet. Weiß ja nicht, was für Medikamente ich da (einzeln) in der Apotheke geholt habe, aber es geht mir heute schon viel besser. (sie fragen immer: medicin or flower – mensch, bis ich kapiert habe, dass sie damit meinen: allopathisch oder pflanzlich? …)

Soll ich tatsächlich meine Zelte hier abbrechen und auf die Insel im Süden fliegen (Phu Coq)? Dabei wissen wir alle, was das Strandleben aus mir macht: einen unmotivierten, unproduktiven Sonnenbrandling (wahlweise Käseweißling). Aber jedesmal denke ich, dieses Mal könnte es anders sein. Und ich hab meine Schnorchelmaske ja nicht für die Regenpfützen mitgenommen.
von martina | 17 Januar 2018 | unterwegs
Ich kann inzwischen mit einem neckischen „Doy An Chai“ kommunizieren, dass ich lieber kein Fleisch essen würde. Meine Frage nach dem Namen verstehen die Einheimer aber erst nach drei- oder viermaliger Nachfrage. Ich glaube, bei meiner originellen Betonung (sauschweres Phonemintentar!) erschließen sie das eh nur aus dem Kontext.
Apropos Kommunikation: Mit der Maus, die jede Nacht meckernd in meine Zimmer kommt, habe ich jetzt auch ein Understanding. Sie weckt mich mit ihrem Schnattern, ich mache das Licht an und schimpfe mit ihr, sie zieht beleidigt wieder ab. Seit ich mit Ohrstöpseln schlafe, hör ich sie nicht mehr. Witzigerweise kommen da die Inhalte von zwei Artikeln, die ich unlängst geschrieben habe, zum Tragen: Tierkommunikation und Träumen.
Apropos Stricken: Neulich hab ich einen Gecko traumatisiert. Hörte noch beim ums-Eck-gehen ein PLOPP, das mir hätte verraten können, dass der Kleine von der Decke gefallen war (passiert den besten von ihnen). Dann spürte ich auch schon seinen elastischen Körper unter der Sohle. Zum Glück geriet er unter meinen Spann, so dass er sich nach dieser Erfahrung unbeschadet davonmachen konnte. Ich frage mich, ob – und wie – sich dadurch sein Weltbild verändert hat. (und freue mich, dass ich keine Plattfüße habe. Sonst würde jetzt Gecko-Blut an mir kleben! *iiih*)

Apropos Weltbild: Ich habe hier inzwischen einen Job mit echten Kollegen!!! Stehe auf ehrenamtlicher Basis im Laden einer tollen Organisation und rede mit Touristen. Meine jahrelange Erfahrung als Reiseleiterin kommt mir da zugute: einschüchtern und anmaulen. (Meinen Touris hat das jedenfalls noch nie geschadet.)
Heute löffle ich meine frühstückliche Nudelsuppe mit Blick aufs Meer – es ist bewölkt, zum Glück, Temperatur um die 25 Grad. Die Leute bereiten sich auf den Tag vor – und den Ansturm der Touristen, der ausbleiben wird, das Meer ist noch zu rauh. Und hey, wie viele müssten kommen, damit tatsächlich all die Strandliegen zum Einsatz kämen?? Ein Lokal neben dem anderen, absolut identisch bis hin zum Menu und den Preisen, nur die Namen unterscheiden sich. Da brauch ich kein Unternehmensberater zu sein, um zu wissen, dass das so nicht funktionieren kann. (andererseits – was weiß ich schon?)
Apropos Akustik: Ich werde von allen Seiten beschallt – höre das Meer, vietnamesische Musik und eine Stichsäge (vermute ich) gleichzeitig. Jedes mit einer eigenen Berechtigung. Unterm Strich gar nicht mal unharmonisch.
So, die Suppe war gut. Die gestern mit Fisch in der Einheimerstraße war aber noch besser. Kenne erst zwei der vier empfohlenen vegetarischen Lokale – aber inzwischen traue ich mich, mit dem Moped umzudrehen, wenn ich mich mal verfahren hab oder falsch abgebogen bin, statt vor lauter Unsicherheit einfach weiterzufahren im Wissen, dass irgendein Lokal schon kommen wird. Mit anderen Worten: Die beiden anderen werde ich auch noch testen 😉
von martina | 11 Januar 2018 | unterwegs
Das Wichtigste vorab: Das Essen ist gut – aber auf keinen Fall besser als in Laos oder Thailand. Weniger scharf, und vegetarisch ist schwer zu kriegen. Die buddhistischen Vietnamesen essen nur an zwei Tagen im Monat kein Fleisch – jaja, compassion und Zeugs und Schweinefleisch! Meinen geliebten Klebreis gibt es wohl nur an einem Food-Stand in der Stadt, den ich erst noch finden muss. Dafür fuhrwerke ich mit den Stäbchen in Suppen und Reisschalen herum, dass es eine wahre Freude ist. 🙂 Und der Kaffee, auf eine Schicht von Candy Milk (mayonaisedicke, süße Kondensmilch) gefiltert, ist auch hier wirklich lecker.

Was bisher geschah: Unsere (nicht mehr ganz) jugendliche Protagonistin, die immerhin mit kalkweissen, ungeniert vorgeführten Schienbeinen beeindruckt, sah sich bei Ankunft in Saigon (so sagen die Leute hier) mit sehr Vertrautem konfrontiert. Der vierte Winter in Südostasien ist halt kein aufregendes Abenteuerland mehr, kennt man ja, hat man ja, weiß man ja schon alles. Um sich dann zuverlässig schon bei der Taxifahrt vom Flughafen SELBST übers Ohr zu hauen, weil man mit dem Wechselkurs von 1:27000 nicht zurechtkommt. Auch dort gibt es eine Pub Street, war nur einen Steinwurf von meiner Unterkunft entfernt. Nachdem ich lange Jahre Jetlag für eine Erfindung der Nackenhörnchen-Industrie gehalten habe, brauche ich doch mittlerweilse einige Tage, um in einen brauchbaren Rhythmus zu kommen. Mit dem Schlafzug bin ich dann drei Nächte später in flockigen 16 Stunden durch vielerlei Grün in die Landesmitte gefahren.

Nachdem ich seit Ankunft in Hoi An vor fünf Tagen regelrecht beängstigend produktiv war, hab ich heute einen Faulen eingelegt. Einlegen müssen, weil ich durch eine (ich vermute) Massage-Verletzung heute den immer ärger werdenden Schmerzen im linken Arm nachgegeben und das Krankenhaus besichtigt habe. Wie schon Busch schreibt über die Einschränkungen durch Schmerzen: „Einzig in der engen Höhle / des Backenzahnes weilt die Seele.“ Wenn ich auf Reisen (oder überhaupt) schwächle, ist das für mich so existentiell wie ein Männerschnupfen. Mir tut nicht nur was weh, sondern ich fühle mich verloren, niedergeschlagen, einsam, finde das ganze Leben eh überbewertet und im Grunde sinnlos …
Konsultation durch einen blutjungen und augenscheinlich übermüdeten Arzt (Party-Schaden?). Dann Physiotherapie im Beisein eines englischsprechenden Alten, der mir sagte, wann ich drücken und wann ich drehen sollte. Dank dieser und diverser Medikamentation (Yes, I am a pill popper. Gebt mir irgendwas Buntes und ich schlucke es. Hat mir bisher nicht geschadet) geht es Arm und Gemüt wieder sehr viel besser. Aber den Nachmittag, kühl mit 20 Grad und bewölkt, hab ich doch vorsichtshalber im Bett verbracht. Zuviel Produktivität verstört sonst den sensiblen Schreiberling-Organismus.
Und morgen will ich ja fit sein, weil meine lieblichen Gastgeber mich zu einer Familienfeier eingeladen haben (Todestag der Oma vor einigen Jahren, denke ich. ich werde eh schwarz tragen, weil der Rest in die Wäsche muss). Tri und Moon sind wirklich ganz entzückend, fürsorglich und liebenswürdig. Ich bin am zweiten Tag über die Gemüseinsel geradelt und war ganz begeistert von den Feldern zwischen Altstadt und Strand, wo man sich wie auf dem Lande fühlt. Und dann habe ich mich auf blöd nach long term accommodation erkundigt und bin tatsächlich sofort fündig geworden. Sie nehmen sonst 25 US$ für ein Zimmer (meins ist das erste, das hier angezeigt wird) – ich zahle 250 Euro im Monat und bin ihr allererster long term Gast überhaupt. Hier seht ihr das Ganze.

Und ein Moped für kaum ein Geld habe ich noch dazu gekriegt. Immerhin habe ich letztes Jahr schon 3 Tage auf Koh Kood Erfahrungen damit sammeln können. Da war es hügeliger, dafür kein Verkehr. Hier ist es genau andersherum: topfbodenflach – und die Leute fahren wie die Henker.
Da auch ich diesen Ruf habe, komme ich damit ganz gut zurecht und fluche recht versiert vor mich hin. Nur das mit dem Linksabbiegen bei Gegenverkehr muss ich noch optimieren: KEINESFALLS bleibt man hier, wie von zu Hause gewohnt, in der Mitte der Straße stehen, um auf eine Lücke im Gegenverkehr zu warten. Man zieht schon zuvor in einer eleganten Diagonale lässig auf die LINKE Fahrseite, das ist die halbe Miete. Heißt also, dass einem ständig einer frontal entgegen kommen kann, wenn man am wenigstens damit rechnet (weil man gerade „easy living“ vor sich hinsingt). Und wer von rechts kommend nach rechts auf eine Straße biegt, gönnt dem Restverkehr noch nicht mal einen Seitenblick. Die sehen mich schon, denken sie (nun ja, so überquere ich, wie alle, zu Fuß auch die Straßen. Bisher mit Erfolg). Es bleibt also spannend. Und gesund leben werde ich dadurch auch müssen: den Weg im Dunkeln über die lampenfreie Gemüseinsel findet man nur im stocknüchternen Zustand).

von martina | 28 Dezember 2017 | Blog
Den Extrovertierten gehört die Welt – das posaunen sie jedenfalls voll Überzeugung in diese hinaus. Laut und leutselig, entscheidungsfreudig und enthusiastisch, richten sie den Blick nach Außen und saugen ihre Energie aus sozialen Interaktionen. Sie stellen rund zwei Drittel unserer Bevölkerung – auch wenn es den Introvertierten vorkommt, als seien doch deutlich mehr dieser oberflächlichen, distanzlosen und aufdringlichen Clowns unterwegs. Die Intros dagegen leben gern in der eigenen Innenwelt, weshalb sie sich von geselligen Zusammenkünften, ja oft den Menschen an sich, ausgelaugt fühlen. Sie sind zurückhaltend und tiefsinnig, im Außen ruhig und eher passiv. Oder aber, wie es die Extros wahrnehmen: verschlossene, unfreundliche und antriebslose Sonderlinge, die ruhig mal aus sich herausgehen könnten. Es sind erstaunlich viele Tests im Umlauf, die einem verraten wollen, was zu dem Wenigen gehört, das wir spontan selbst wissen: ob die eigene Kraft in die Blüte oder die Wurzel strömt. Ob wir lieber auf dem Oktoberfest auf Bierbänken tanzen oder im Zen-Kloster für den Weltfrieden meditieren. Höchste Zeit, die Vorzüge und Nachteile der Jung’schen Typisierung dem Alltagstest zu unterziehen.
In ein gutes Restaurant würde man den Intro mitnehmen, weil er einem nichts vom Teller klaut und sich mit dem Kellner nicht wegen der Höhe der Rechnung streitet. Auf eine einsame Insel dagegen den Extro, weil er – in einem Umfeld ohne Fernsehen – einfach den höheren Unterhaltungswert hat. Der Extro ist dafür sehr wartungsintensiv: Er braucht Gesellschaft und Stimuli bis zum Abwinken, weil er sich sonst langweilt und nichts mit sich anzufangen weiß. Der Hit beim Besuch im Seniorenheim; weniger angenehm als Gegenüber beim konzentrierten Arbeiten. Der Intro ist da ganz pflegeleicht; man kann ihn bei Bedarf in eine dunkle Ecke stellen und später wieder abholen. Nicht wundern, wenn er bei Berührung dann leicht zusammenzuckt. Dagegen verschiebt sich der Aufwand, wenn man die beiden zu einer beliebigen Aktion animieren möchte. Beim Extro reichen ein paar bunte Farben in der Regel schon aus, um ihn zu motivieren. Beim Intro muss man dagegen massiv in die Trickkiste greifen, will man ihn hinterm Ofen hervorlocken. Der Intro kann lange geheimnisvoll und sogar intelligent wirken, wenn er es sich verkneift, den Mund aufzumachen. Der Extro spielt ihn locker an die Wand – aber nur eine Zeitlang, bis letztendlich doch auffällt, dass er nur heiße Luft von sich gibt. Um mit einem Intro zu zanken, muss man beide Parts des Streitgesprächs in verteilten Rollen selbst übernehmen. Konflikte mit Extros sind, wen wundert’s, ein dramatischer Selbstläufer.
Der Extro ist glücklicher als sein Extrem. Das behauptet er jedenfalls immer, sobald ihm jemand zuhört. Der Intro definiert dagegen, was denn „Glück“ sei, und entscheidet sich dann für „Unglück“. Das passt besser zu den dezenten Farben, die er gern trägt.
von martina | 20 November 2017 | Blog
In der Genesis der neuseeländischen Maori liebt Rangi, der Himmel, Papa, die Erde. Sie liegen in inniger Umarmung umschlungen, und Papa gebärt viele Söhne. Irgendwann wollen diese dem Dunkel der elterlichen Umarmung entkommen und trennen die Beiden in einem Akt postpubertärer Rebellion, der hier nicht weiter interessiert. Nur dessen Ergebnis: Der Himmel, Mann, liegt oben, die Erde, Frau, liegt unten.
Dies wird in der Missionarsstellung imitiert, die wir Europäer – zusammen mit mieser Küche, fiesen Krankheiten und übler Gottesfurcht – in „aller Herren Länder“ getragen haben. Oder war „Mann oben – Frau unten“ schon zuvor dort bekannt? Schließlich soll es sich dabei um die einfachste und folglich allererste Sexstellung überhaupt handeln. Die Fraglichkeit dessen zeigt das Paarungsverhalten anderer Tiere, wo Mann hinten – Frau vorn bevorzugt wird. Als einzige Ausnahme sehen Primaten wie die sexfreudigen Bonobos oder Flachlandgorillas einander beim Sex gelegentlich in die Augen.
Was ja auch oft als einer der Vorteile der Missionarsstellung genannt wird: Man erzeugt durch Blickkontakt reichlich Intimität, man kann sich küssen und sieht nicht viel vom Körper des anderen (was nun ein Vorteil sein kann oder auch nicht). Der Akt an sich ist nicht so anstrengend wie manch andere Sexstellung, zumindest nicht für die Frau, und für alles andere außer eine lustvolle Klitorisstimulation bestens geeignet. Es sei denn, der Mann ist sehr schwer und / oder sehr faul. Oder die Frau legt Wert auf Bewegungsfreiheit und Gestaltungsspielraum. Diese auch als „Mama-Papa-Stellung“ bekannte Position ist übrigens auf dem Papier die einzig legale Sexstellung in Florida. Ernsthaft.
Den Begriff „Missionarsstellung“ prägte „Master of Sex“ Alfred Kinsey, der den Anthropologen Malinkowski missverstanden hatte. Wahr ist, dass sich laut dessen Bericht ein Südseevolk über die einfallslosen Sexspiele der Missionare mokiert hat. Die Insulaner nannten die Stellung aber übersetzt „Die Frau kann nicht mitmachen“, was es so ziemlich auf den Punkt bringt. Als unschickliche „Missionarssitte“ schmähten sie allerdings nicht den Geschlechtsakt, sondern vielmehr das Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Die Frau unten – Mann oben-Position ist sicherlich die geläufigste in unseren patriarchalischen Gesellschaften. Sie müsse, so liest man oft, beileibe und -lende nicht langweilig sein, sofern man sie durch Kisseneinsatz oder korrekten Schenkelwinkel aufpeppt.
Zudem illustriert sie auf ziemlich unprätentiöse Art den landläufigen Ausdruck „eine Frau flach legen.“ Wer unten liegt, der unterliegt. Beim BDSM hat „top“ und „bottom“ eine grundlegend andere Bedeutung. Wer wen beim Liebesspiel dominiert, steht hier von vornherein fest. Hauptsache, beide (oder: alle) Beteiligten haben ihren Spaß – unabhängig davon, wie dieser, in einen gesellschaftspolitischen Kontext übersetzt, interpretiert werden könnte. Der Mann, so legen manch Kritikerinnen nahe, knie bei der Missionarsstellung vor der eigenen Erektion statt vor der Göttin. Jede Frau, die auf dem Rücken liegend genießt, bestätige die Macht der Phallokratie. Im Bett findet also regelmäßig ein Kampf um soziale Unter- oder Überlegenheit statt. Hinterher dann der Kampf um die Bettdecke.
Und andersherum? Ein „richtiger Mann“, liest man in den Foren, positioniert sich beim Sex oben. Das setzen wohl vor allem die Frauen voraus, wie es aussieht. So schreibt eine: „Ein Mann, der ständig nur unten liegt und mich machen lässt, wäre mir langweilig.“ Dabei liegt auch ein Mann gern mal unten, ohne sich gleich seiner Männlichkeit beraubt zu fühlen, wie die Kommentare der Gliedträger nahe legen. Man denke an die Abbildungen des Kamasutra, bei denen kleine dicke Paschas sich liegend von grazilen Tempeltänzerinnen verwöhnen lassen. (Zumal ja auch ihr Bauch den akrobatisch mehr herausfordernden Stellungen im Wege stünde.) Doch es steht zu bezweifeln, dass die sich oben Abmühende tatsächlich die Überlegene ist.
Ein paar einfache Faustregeln können hier Abhilfe schaffen. Bei Sex im Freien (Insekten, Unterholz…) liegt der Mann unten. Beim Sex im Wasserbett liegt die Frau unten. Wer Knieprobleme hat, darf die Beine lang machen. Wer die Decke nach Spuren von Holzwürmern absuchen möchte, liegt unten. Wer über den Kopf des Partners hinweg ein wenig fernsehen möchte, kommt nach oben. Wer doppelt soviel wiegt wie der Partner: Runter! Und wer gleich nach dem Akt das Weite suchen will, statt über sexuelle Emanzipation zu diskutieren, bleibt besser oben.