Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, heißt es. Neulich hat mein Bruder angerufen, und während des Telefonats hab ich mir ein Glas Wein eingeschenkt.
Das oder Drogen. Und die hatte ich grade nicht da.
Wieso Wein, hat da mein Bruder gefragt, du trinkst doch nichts mehr, hast du gesagt.
Und ich hab mir überlegt, wann ich das letzte mal mit ihm telefoniert habe, und geantwortet: ja, aber die beiden Tage sind auch schon wieder vorbei.
Ich hatte einen guten Vorsatz, und dann hatte ich einen noch besseren Grund, dessen Umsetzung zu unterbrechen. Wahrscheinlich ein Telefonat mit einem irgendeinem anderen Sozialpädagogen. Haben wir eigentlich Sozialpädagogen unter uns?
Generell verzichten immer mehr und mehr Leute darauf, 40–50 % in Umgaben geben offen zu, dass sie keine Vorsätze haben, und schon gar nicht zu Neujahr. Jeder zweite! Was geht denn da?
Weil sie den Leistungsdruck nicht mögen, sagen die Verweigerer, weil sie keine Lust auf Verpflichtung haben, weil das Leben eh schon hart genug ist und sie selber perfekt genug.
Und wenn die Menschen Vorsätze haben, dann so wischi-waschi Sachen wie: Mehr Sport treiben, Gesünder essen, weniger Stress haben, weniger Serien inhalieren.
Nichts klares, konkretes, greifbares wie: Zum Ende des Jahres will ich meine erste Million beisammen haben. Die ersten zehn Mitarbeiter:innen entlassen. Den Partners für Leben gefunden und geheiratet. Den ersten Bestseller auf der Spiegel-Liste platziert.
Ich finde: damit versäumt man was. Wahrscheinlich sind sich die wenigsten bewusst, dass es bei Neujahrsvorsätzen gar nicht um Selbstoptimierung geht. Das hat doch gar nichts damit zu tun. Sie lehnen gute Vorsätze ab, weil sie befürchten, es könnte positiv zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Aber woher denn!
Ich erklär euch das mal. Ihr kennt doch sicher die Sache mit Schrödingers Katze. Eine Mieze in einer geschlossenen Kiste ist mit einem Mechanismus verbunden, der mit 50%iger Wahrscheinlichkeit Gift freisetzt, wenn ein radioaktives Atom zerfällt. Solange die Kiste geschlossen ist, existiert die Katze in einer sog. Superposition, einer Überlagerung von zwei Zuständen – gleichzeitig lebendig und tot.
Und ich frag mich, warum man dasselbe nicht einfach mit Hinzes Hund hätte erklären könne. Wenn ich ein Bayernlos bei mir trage, bin ich gleichzeitig eine Gewinnerin und Verliererin. Solange, bis ich das Los geöffnet habe, bin ich superpositioniert. Und genau das machen wir uns bei den Neujahrsvorsätzen zunutze.
Seien wir mal ehrlich: lahme Vorsätze wie „Mehr Zeit mit der Familie verbringen“ kann man sich sparen. Wenn man Wert auf die ranzige, rüde Bagage legen würde, würde man eh von sich aus mehr Zeit mit ihnen verbringen. Es gibt also schon einen soliden Grund, warum man das nicht tut. Meistens hat der mit mentaler Gesundheit zu tun.
Dagegen Klassiker wie zehn Pfund abnehmen, dem Sportstudio beitreten oder mit dem Rauchen aufhören: Die sind schön konkret.
Meine Vorsätze:
Ich will meine Schrebergartenkrimis in die zweite Auflage puschen.
Außerdem mehr Zeit im Ausland verbringen.
Und Emails prinzipiell frühestens einen Tag nach Eingang beantworten.
Ich will für meinen Reiseleiterkrimi einen guten Verlag finden, und dafür muss ich ihn noch schreiben. Das ist klasse – zwei Vorsätze für den Preis von einem.
Nun sagen die Leute: Das baut so einen Druck auf! Da fühlt man sich wie ein Versager, wenn man’s nicht schafft!
Und ich sage: Darum geht’s doch gar nicht. Natürlich wird man das Ganze nicht durchziehen. Da wärt ihr die Ersten, seien wir doch mal ehrlich!
Dafür gibt es ganz konkrete Zahlen: Auswertungen von Fitness-Apps und ähnlichem Dreck haben einen sog. „Quitters Day“ identifiziert als den Tag, an dem die meisten Leute ihre Neujahrsvorsätze aufgeben. Nächstes Jahr ist das der 9. Januar. Könnt ihr euch schon im Kalender eintragen.
Ein guter, konkreter Vorsatz lässt sich in drei Phasen einteilen:
1. Phase: die wird euch gefallen. Das ist die Zeit vor dem 1. Januar. Bis dahin dürfen, nein sollen wir ungehemmt und ungeniert das tun, was wir uns ab dem 1. Januar auf immerdar verkneifen werden. Wenn wir abnehmen wollen im Neujahr, können wir jetzt zügellos zuschlagen. Wenn wir mit dem Rauchen aufhören wollen, Kette rauchen. Wenn wir 2026 produktiver und ordentlicher sein wollen, sollten wir ganz konsequent ab sofort nicht mehr den Arsch vom Sofa heben. Es ist ein Traum.
Die 2. Phase beginnt nicht am 1. Januar, denn seien wir ehrlich, da ist kaum jemand bereit, willig oder fähig, mit dickem Kopf und /oder zugemüllter Partywohnung noch irgendwelche Vorsätze anzugehen. Die beginnt am 2. Januar.
Vorneweg: Da gibt es ein grundlegendes Missverständnis, mit dem wir aufräumen sollten: eine Liste mit Vorsätzen, das ist keine Do-To-Liste. Das ist ein Wunschzettel.
Und eine Eintrittskarte in die wunderbare Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Die große Superpositions-Sause. Wir setzen uns alle zu Schrödingers Katze mit in die Kiste, sozusagen.
Ab dem 2. Januar bin ich gleichzeitig so unsportlich wie Nachbars Dackel, diese gestopfte haarige Wurscht, und so fit wie Arnold Schwarzenegger. Also als er jung war. Ich bin in Personalunion eine gefeierte Bestsellerautorin und eine schnöde Hobbyschreiberin.
Ich bin genussdrogen- und mikroplastikfrei und zugleich eine Sondermüllhalde.
Ihr kapiert das Prinzip. Und je mehr und je mühsamere Maßnahmen ihr ergreift, um eurem Vorsatz zu entsprechen, umso wirkungsvoller ist die ganze Übung.
3. Phase: Wann fängt die an? (fragen)
Richtig, am 9. Januar. Jetzt darfst du ganz offiziell die Superposition knicken und zugeben, dass du alles tun würdest, um fit zu sein – außer Sport zu treiben. Du darfst dich auf die Schulter klopfen und sagen: „Du hast dein Bestes gegeben. Mehr war einfach nicht möglich.“ Du darfst dich für deine ambitionierten Ziele feiern und gleichzeitig für das Aufgeben bedauern lassen.
Ihr seht: drei Phasen ernsthafter Gewinn durch einen guten Vorsatz! Mehr geht wirklich nicht, und ihr lasst euch wirklich was entgehen, wenn ihr das nicht nutzt.
Und jetzt wollte ich noch einen schönen Abschluss schreiben, doch der Punkt „Arbeiten vollenden“ kommt erst – ihr ahnt es – 2026 zum Einsatz. Da steht er unter den TOP zwanzig auf meiner Liste.
Wobei … ich bin Anfang des Jahres in Asien, und dort wird chinesisches Neujahr gefeiert. Das heißt, am 17. Februar hab ich eine zweite Chance!