Die 12 Kulinarzeichen

Die 12 Kulinarzeichen

Eisbein

Beim Eisbein geht Tradition harmonisch mit Völlegefühl einher. Was ein Eisbein nicht kennt, isst es nicht; was es kennt, hat selten Zeit, das Haltbarkeitsdatum zu erreichen; und was es isst, kann es nur schwer verdauen. Ein Eisbein fühlt sich erst satt, wenn es einen komaähnlichen Zustand erreicht hat, der durch den Genuss diverser Schnäpse (die als Medizin gelten) unterstützt wird. Typische Eisbeine haben einen Onkel, der trotz hemmungsloser Völlerei bei bester Gesundheit erst im Alter von 72 an einem Herzinfarkt gestorben ist – noch bevor ihn sein Darmkrebs kriegen konnte.

Stangensellerie

Charakteristisch für dieses Zeichen ist der Eifer, mit dem es von seiner Ernährungsform erzählt und andere Kulinarzeichen davon überzeugen will, dass sie sich falsch ernähren. Obwohl Stangensellerie deshalb von Kulinarzeichen wie Fritte und Eisbein gemieden oder gar angefeindet wird, tritt er selten zurückhaltend oder gar reflektiert auf. Seine Beharrlichkeit und das Geschick, mit dem er jedes Gespräch auf die Vorzüge pflanzlicher Kost bringen kann, können durchaus als Pluspunkte gewertet werden. Ihre Überzeugung wird gegen Angriffe von außen (z.B. Bemerkungen wie »Wirklich?«) vehement verteidigt.

Fritte

Fast-Food ist einer Fritte nicht schnell, Convenience-Food nicht bequem genug. Im Idealfall gilt: Packung aufreißen und reinbeißen! Alles, was diese Formel erweitert – wie einrühren oder aufwärmen – lehnt die Fritte als »völlig übertrieben« ab. Sie mag es unkompliziert und lebt von der Hand in den Mund. Für dieses Zeichen sind unmittelbare Zugänglichkeit und Glutamatgehalt ausschlaggebende Kriterien für gutes Essen. Eine Fritte erkennt man an den schnellen Augenbewegungen, mit denen sie ihre Umgebung auf Nahrungszugriffsmöglichkeiten hin abscannt, und dem leichten Zittern ihrer Händen, die jederzeit bereit sind, nach Finger-Food zu greifen.

Praline

Die Praline ist (ihren Lieblingssorten) treu ergeben und genügsam, solange nur reichlich von ihrem Soul-Food vorhanden ist. Sie ist meist gut gelaunt und hat nur eine Sorge: dass ihr der Zuckerstoff ausgehen könnte. Wird er ihr über einen längeren Zeitraum (> 15 Minuten) vorenthalten, kann die ansonsten so harmoniebedürftige Praline zur aggressiven Furie werden. Eine typische Praline überrascht mit einer Vielzahl an Paradoxien: Sie beschäftigt sich sehr mit den Folgen ihres Essverhaltens, ohne dieses dabei jemals in Frage zu stellen. Und sie liebt Menschen, würde aber für den richtigen Schokoriegel jede Freundschaft opfern.

Stör

Dem Stör gilt Essen als Statussymbol: Wenn Pasta, dann nur getrüffelt, von italienischen Nonnen handgezwengelt und in Weihwasser gekocht. Alles, was es auch im Discounter geben könnte, wird konsequent von der Speisekarte verbannt. Wie kein anderer kann ein Stör echten Schampus von billiger Supermarktware unterscheiden – wenn nicht am Geschmack, dann am Preisetikett. Ein Stör isst ungern allein: Wenn niemand sehen kann, welch hochpreisigen Lebensmittel er stilvoll vertilgt, spart er sich lieber gleich die Mühe. Die meisten Kalorien verbraucht dieses Zeichen, wenn es kulinarischen Trends wie Dubai Schokolade oder Bubble Tea hinterherjagt.

Ketchup

Man erkennt dieses Zeichen am reflexhaften Griff zum Salz, noch bevor es einen Bissen gekostet hat. Das Ketchup ist gleichzeitig schwer und leicht zufriedenzustellen. Zwar moniert es bei jeder Gelegenheit die Qualität seines Essens, ist jedoch auf der Stelle ruhig, sobald alles so schmeckt wie immer. Verschiedene Geschmacksrichtungen verunsichern das Ketchup und überfordern seine leicht irritierbaren Sinne. Diese Eigenschaft macht es zu einem sehr dankbaren Gast, da aufwendige Gerichte und Raffinesse unnötig werden. Ähnlich wie bei Eisbein gilt auch hier die Quantität als wesentliches Kriterium eines guten Essens: Viel ist gut, mehr immer besser!

Salat

Der Salat kann spontan Energiegehalt, glykämischen Index und Darmverweildauer jedes Nahrungsmittels nennen, tut das aber aufgrund seines meist niedrigen Blutzuckerspiegels nur widerwillig und in extrem gereizter Art. Eine seltsame Eigenschaft des Salats ist zudem, dass er eigentlich nie so gesund oder energievoll aussieht, wie er sich nach eigenen Aussagen fühlt. Angehörige dieses Kulinarzeichens definieren sich in erster (und schlanker) Linie über das, was sie NICHT essen.

Nudel

Dieses Zeichen zeichnet sich durch Flexibilität aus, mit der es durch die Kostformen wechselt; durch den Fantasiereichtum, mit dem es jede Ernährungslehre in den Alltag integriert; und schließlich durch den Hang zum Fanatismus, mit dem es die neuen Erkenntnisse nach außen trägt. Mit dem Staudensellerie und der Vitaminkapsel liegt er im unregelmäßigen Wechsel mal über Kreuz, mal auf einer Wellenlänge. Eigene kulinarische Vorlieben, die länger als drei Wochen anhalten, und individuelle Verträglichkeiten kennt die Nudel nicht. Sie erfährt, was ihr gerade schmeckt, aus der Fachliteratur (sämtliche Lifestyle-Magazine).

Vitaminkapsel

Dieses Zeichen ist ein Tüftler, und der Inhalt seines Tellers stellt einen biochemischen Bausatz dar. Perfekt auf die Tagesform abgestimmt, stellt die Vitaminkapsel sicher, dass sie sämtliche Nahrungsoptimierer, Rülpsblocker und Enzymbeschleuniger bekommt, die sie braucht. Die tägliche Stuhlanalyse gehört bei diesen gewissenhaften Zeitgenossen ebenso zum Essen wie … das Essen selbst. Treffen sich zwei Vitaminkapseln, kommt es oft zu Konflikten, wenn es darum geht, wer die tägliche Ernährung noch einen Ticken effizienter und stoffwechseloptimierter gestalten kann.

Döner

Einem geschenkten Gaul schaut ein Döner nicht ins Maul: Er frittiert ihn und schiebt ihn sich in den Mund. Eine Mahlzeit, die er nicht selbst kocht und im Idealfall auch nicht zahlt, ist immer eine gute Mahlzeit! Lebensmittelunverträglichkeiten kennt der Döner nur, wenn er dadurch an einen Extrahappen kommt, und Völlegefühl ignoriert er, bis der Arzt kommt. Man trifft Döner oft an den Probierständen im Supermarkt, auf Vernissagen oder Feiern ihnen fremder Familien.

Kalorienshake

Der Kalorienshake betrachtet Essen neutral als »Nahrungsaufnahme«, die zuverlässig den Energiebedarf des Organismus deckt. Geschmack betrachtet er als irrational und subjektiv und daher als vernachlässigbar. Der Kalorienshake isst nur, wenn er Hunger hat. Sonst nicht. Weder aus Langeweile, Frust, Geltungsbedürfnis, zum Trost, zur Belohnung oder Veranschaulichung der eigenen Weltanschauung, zur Ablenkung, zum Muskelaufbau oder zur spirituellen Erkenntnis. Auf die anderen Kulinarzeichen wirken Kalorienshakes deshalb zuweilen irritierend, und oft wird ihnen die Eignung zum Überleben in einer modernen Konsumwelt abgesprochen.

Bittergurke

Gute Vorsätze oder der 9. Januar

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