Kürbissuppe

Kürbissuppe

Heute geht er zu Ende, der goldene Oktober, der uns dieses Jahr so schmählich im Stich gelassen hat. Kaum hielten wir die müden Häupter hungrig in die milde Herbstsonne, hat uns scharfer Wind kalten Regen ins Gesicht geklatscht. Und wir haben gemerkt, dass die so berühmten bunten Blätter nur dann schön sind, wenn man sie aus der Distanz betrachtet – und nicht, wenn man sie aus dem Schal schälen oder dem Dekolleté klauben muss.

Wir sind mittendrin in der Zeit, in der man HYGGE betreibt, als ob’s kein Morgen gäbe. Kennt ihr? Die Frauenzeitschriften waren mal voll davon: Daheim bleiben und in flauschige Decken kuscheln, Tee trinken, der so abartig aromatisiert ist, dass er im Dunkeln leuchtet, und ganz viele Teelichter anzünden.

Profitipp: Wenn man ein wenig Schnaps in den Tee kippt, nur halb soviel, weil man die dann ja doppelt sieht.

Aber morgens ist es dunkel und kalt, nachmittags wird es dunkel und kalt, und die einzige Aussicht, die wir haben, ist die, dass es noch dunkler und kälter wird.

Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, kommen jetzt alle daher und pesten einen mit ihrer Kürbissuppe.

KÜRBISSUPPE! Wenn ich das Wort nur höre! So ein Kürbis kann ganz hübsch sein, ohne Frage, die Farbe ist sehr schön, die Form ansprechend. Ausgeschnitzt und mit weiteren Teelichtern befüllt – wir sehen hier ein Motiv – kann er die dunklen Nächte erleuchten. Und wenn man mag und gar nichts anderes da ist, kann man ihn auch essen, denke ich.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Gemüse. Aber Kürbis, das ist eine Farbe und eine Form. Roh ist er nicht genießbar, und gekocht, gebraten, gedämpft oder gebacken hat er die Konsistenz von Babybrei. Der Geschmack? Wird locker von der Farbe übertönt.

Aber sowie es Herbst wird, hebelt sich irgendwas in den Gehirnen der Menschen aus, und alle fangen an, einem ihre Kürbissuppe aufzuschwatzen, wie Sauer Bier.

Als wäre es der Gipfel kulinarischen Könnens, einen Kürbis – botanisch betrachtet übrigens eine Beere – zu Pampe zu zerkochen und dann noch zu pürieren. Hui hui, Haute Cusine.

Das ist ein wenig so wie die Leute, die bei Zimt sofort sagen: „Das riecht wie Weihnachten.“

Zimt scheint das einzige Gewürz zu sein, dass die Leute mit Weihnachten assoziieren – und mit nichts anderem. Kulinarische Ignoranz, würd ich mal sagen.

Jetzt also: „Oooh, goldener Herbst, und ich tu Muskatnuss in die Kürbissuppe, weil ich ein Knecht der Jahreszeiten bin.“ Saisonales Kochen schön und gut – aber hey. Es gibt auch anderes „Gemüse“ in dieser Jahreszeit.

Ich bin in meinen langen Jahren noch nicht einer Kürbissuppe begegnet, die mich überzeugt hätte. Nicht einer. Aber wenn man das den Leuten sagt, diesen Herbst-Starköchen, sagen ALLE: „Na, du hast meine halt noch nicht probiert.“

Und ich sage dann: „Hab ich nicht, muss ich auch nicht. Deine ist nicht anders als die Hunderte, die vor ihr kamen.“

Damit ist der fehlgeleitete Ehrgeiz dieser Leute gepackt. Da hört man dann:

– Also ich geb immer Kokosmilch in meine. Das ist köstlich.

– Das Geheimnis ist Orangensaft.

– Seit ich einen Schuss Sherry in meine gebe, schmeckt die sogar meinem Mann / der Schwiegermutter / den Kindern im Vorschulalter.

– Ich nehme Fischfond. Das ist ganz was anderes.

Nein, ist es nicht. Kürbissuppe sieht einfach aus wie etwas, womit man die Wände streichen sollte. Schmeckt auch nicht viel interessanter. Und wenn ich sage, dass etwas „interessant“ schmeckt, dann ist das nicht Verbalkosmetik für „Der Hunger treibt’s runter und die Geschmacksknospen wieder rauf.“

Nein, dann meine ich das so: interessant ist gut. Etwas Neues, nicht Naheliegendes. Etwas Bereicherndes. Etwas Anregendes. Etwas, das Neugier weckt und vielleicht auch die detektivischen Fähigkeiten herausfordert.

Spannender als Toastbrot. Aufregender als Käse aus der Plastikpackung, der eine rein stoffliche Erfahrung ist. Prickelnder als die geheime Zutat von Mama Mirakuli.

Die sicher jetzt mit Kürbisrisotto daherkommt. Risotto! Der Milchreis unter den Hauptgerichten. Das Seniorenmenü, das man auch zum Ausbessern der Fliesenfugen im Bad hernehmen kann. Da kombiniert man langweilig mit banal. Beides unbegreiflich überbewertet.

„Es kommt halt drauf an, wie man es würzt“, sagen da die Köche pikiert. Das Argument bringen sie auch bei den wattigen Auberginen mit der zähen Haut, die ebenfalls nur Form und Farbe sind, aber kein Gemüse. Übrigens auch aus botanischer Sicht eine Beere.

Ja, es kommt immer drauf an, wie man würzt. Alles, was hierzulande über Salz, Pfeffer und Maggie hinausgeht, wird ja schon auf der gutbürgerlichen Speisekarte erwähnt.

Oder ist Zimt und erinnert an Weihnachen.

Ich könnte auch meinen Spülschwamm so würzen, dass er lecker schmeckt. Aber ich mach es nicht. Ebensowenig, wie ich freiwillig Kürbissuppe essen würde. Weil es einfach keinen Sinn macht, und weil es irgendwo auch Grenzen gibt.

Da kannst du mit Familienrezepten wedeln, die seit Jahrhunderten in deiner Familie sind und die du selbst deiner Oma im Todeskampf aus der gichtigen Hand gewunden hast.

Da kannst du soviel Sherry in deine Suppe kippen, dass es eine Bowle wird, und ich fress sie nicht.

Da kannst du sagen, dass es Kürbis in einer unglaublichen Vielfalt gibt, 800 Sorten mit unterschiedlichen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen.

Und ich sage: Die Geschmacksrichtungen gehen von erschreckend langweilig über qualvoll nichtssagend bis hin zu abstoßend beliebig.

Da wundert es nicht, dass Kürbis zum Symbol für Halloween geworden ist.

Es gibt tatsächlich nur eine Verwendung von Kürbissuppe, die mir einleuchtet. Gesund und saisonal, wie es sich gehört.

Man könnte beim ersten Anzeichen einer Erkältung ein Fußbad in heißer Kürbissuppe machen. Ja, das erschließt sich.