Mein Traumberuf

Mein Traumberuf

Ich hatte schon immer ein schlechtes Gedächtnis – jedenfalls soweit ich mich erinnern kann. Ständig laufe ich daheim zwischen den Zimmern hin und her, weil ich aus irgendeinem irgendwas holen wollte und nicht mehr weiß, was aus welchem. Das erinnert an das Spiel Cluedo: Den Schraubenzieher aus dem Bad? Den Amboss aus der Küche? Die Leiche, in Teppich gerollt, aus dem Wohnzimmer? Nie erwische ich beim Einkaufen das, weswegen ich eigentlich in den Laden gegangen bin, dafür stapeln sich daheim die Gläser mit Tahin. Ich greife wohl immer dann, wenn ich nicht weiterweiß, zu Sesammus.

Einmal hab ich mir ein Buch zweimal gekauft, weil mich der Titel ansprach, was zeigt, dass ich konsequent im Geschmack bin. Und wenn ich einen guten Krimi habe, dann kann ich den in einem gewissen zeitlichen Abstand, der immer kleiner wird, zweimal ohne Spannungsverlust lesen, weil ich keine Ahnung mehr habe, wer das erste Mal der Mörder war. Das ist konsumtechnisch gesehen ein geldwerter Vorteil, aber in jedem anderen Bereich meines Lebens wirklich mies. Vor allem, weil es mir den Zugang zu meinem Traumjob verwehrt.

Als Krimi-Fan wäre ich so gern eine Detektivin. Allerdings wird mein schlechtes Gedächtnis halt nur noch von meiner legendär miesen Beobachtungsgabe getrumpft. Ich seh mich schon, wie ich meinen Sidekick vor einer Vernehmung frage: „Äh, Watson, dieser Typ da – haben wir mit dem eigentlich schon mal gesprochen? Wer ist das überhaupt?“ Und dann erfahre ich, dass das der Tatverdächtige ist, der sich seit dem letzten Treffen in einem Akt diabolischer Täuschung den Schnäuzer rasiert hat. Watson würde sich noch zwei Tage hinterher darüber lustig machen.

Natürlich könnte ich diese Herausforderungen mit meinen Soft Skills ausgleichen. Aber ob Leichtgläubigkeit einer der härteren Soft Skills ist? Denn ich bin wirklich grenzwertig leichtgläubig. Karmatechnisch ein echtes Geschenk, im rauen Berufsalltag allerdings kein Vorteil. „Aber Watson“, höre ich mich sagen, „die Frau kann es gar nicht gewesen sein. Sie hat jetzt schon ein paarmal gesagt, dass sie es nicht war. Und sie hat so ein ehrliches Gesicht.“ „Lass die Bäckereiverkäuferin in Ruhe“, knurrt dann Watson, „die hat mit unserem Fall gar nichts zu tun.“

Dabei wäre es echt so langsam mal an der Zeit für einen neuen Typ Detektiv. Es wurde ja alles Denkbare schon xmal verbraten: Die toughen Karrierefrauen, die tagsüber alleinerziehende Mutter sind und nachts in einer Bar singen. Die Versager mit Suchtproblemen, die praktischerweise beim Drogendezernat arbeiten. Die lässigen Dudes, gern gepaart mit peniblen Paragrapenreitern. Die frisch Geschiedenen, die unrealistisch viel Action haben, meistens mit Verdächtigen. (Bei einigen Krimis hab sogar ich inzwischen gespannt, dass der erste Kerl, den die Protagonistin poppt, der Mörder ist, gell, Charlotte Link). Die Unkonventionellen, deren Vorgesetzter immer wieder ein Auge zudrückt (das gute Auge, das andere haben sie im Einsatz verloren). Autisten. Fengshui-Meister. Verstorbene. Hunde, Katzen, Hamster. Alles schon dagewesen.

Warum also nicht eine… nennen wir sie mal: Anti-Marple? Wo unser aller Held Columbo die Leute dahingehend täuschte, dass er ein harmloser Trottel sei, obwohl in Wahrheit scharf wie eine Nagelfeile, würde ich sie täuschen, weil sie nicht glauben könnten, dass eine Detektivin tatsächlich so naiv wäre. Ich wäre absolut vertrauenswürdig, weil ich mir eh nichts merken kann von dem, was man mir anvertraut.

Die „Persons of interest“ würde ich bitten, Namensschilder zu tragen, damit ich sie auseinanderhalten und zuordnen kann: „Horst, du kriegst jetzt einen blauen Button, du ist ein Level unter Hauptverdächtiger gerutscht, Glückwunsch.“ Oder ich würde ganz entzückt jubeln: „Das ist doch die Tatwaffe!“ – und Watson würde dann sagen: „Das ist ein Brieföffner. Die Tatwaffe war ein Teppich, mit dem das Opfer erstickt wurde.“ Und dann würde er mir ein weiteres Beweisstück aus der Hand schlagen, von dem ich gerade das Blut mit einem Sagrotantüchlein abwischen würde, um es näher betrachten zu können.

Watson wäre ziemlich gemein zu mir, fällt mir da auf. Er sollte lieber ein junger Bodybuilder sein, der die Leute damit täuschen würde, dass er den Vorurteilen gegenüber jungen Bodybuildern voll entspräche. Sein Runnig Gag wäre, dass er immer auf Gourmet-Niveau kocht, wenn der Plot mal hängt, aber nie die Kalorienbomben selbst ißt, weil Fitness und Figur. Mein Leitmotiv wäre, dass ich immer meine Tasche irgendwo liegenlassen würde. Das wäre witzig, weil ich zwar ein schlechtes Gedächtnis habe, aber nicht im klassischen Sinn vergesslich bin. Ich kann mir halt nur schlecht was merken.

Und beim Zurückgehen, um die Tasche zu holen, würde ich Beobachtungen machen, die so offensichtlich wären, dass selbst ich sie nicht ignorieren könnte. Zum Beispiel würde Horst, der Täter, sagen: „Zum Glück ist die Alte weg, ohne dass sie rausgekriegt hat, dass ich der Mörder bin.“ Und Watson würde Horst wie eine Hantel auf die Polizeiwache tragen und hinterher dann was Leckeres kochen. Mit Sesammus.

Das wäre ein guter Job.