Verant_WORT_ung!

Verant_WORT_ung!

Am Anfang war das Wort – und seither sind noch ein paar dazugekommen.

Sie sind inflationär in ihrer Fülle. Wir haben so viel davon, dass wir den Russen „Butterbrot“ abgeben können, den Angelsachsen „angst“ und den Franzosen „le heimweh.“ Allein dieser Blog hat mehr Worte, als du je brauchen wirst, um wortgewandt durch’s Leben zu gehen. Und doch gibt es einige Wörter, die fehlen. Wenn man nicht mehr hungrig ist, ist man satt – doch wie heißt die Entsprechung beim Durst?

„Rettet dem Dativ“ hat als grammatikalpolitische Aufforderung jegliche Brisanz eingebüßt, und der Werbung gelingt es, durch schamlose Verbalkosmetik aus jedem Eimer ein „traditionell multifunktionales, beidhändig zu bedienendes Transport-und Aufbewahrungs-Kombigefäß in klassisch-minimalistischem Design“ zu machen.

Verben stehen aktuell weit oben in der Worthierarchie – den Hauptwörtern in der Pole-Position dicht auf den Fersen. Adjektive dagegen haben müssen ihr klägliches Dasein in der Halbwelt von Werbung und Groschenromanen fristen. Dass manche Wortgruppen stilistisch völlig diskriminiert werden, musste ich neulich selbst erfahren, als ich meinem Lektor in einem Vorwort-Lokal traf. Da der wortgewaltige Mann mich eingeladen hatte, um ein ernstes Wort mit mir zu reden, befand ich mich nicht gerade in freudiger Erwortung.

Er ging auch gleich in medias wort: „Du musst verantwortlicher bei der Wortwahl sein. Dein Gebrauch von maßlos vielen Adjektiven ist ohnehin bedenklich – aber diese Menge an Adverbien, das geht zu wort!“

Ich schwieg beleidigt und löffelte nervös meine Buchstabensuppe. Das Radio sang monoton: „Bitte gib mir nur ein Wort!“, während der Kellner versehentlich ein zweisprachiges Menü fallen ließ. Im Aquarium die einzigen Wesen, die nicht viel Worte machten. Dann fragte ich etwas barsch: „Soll ich mich vielleicht vorsorglich gegen Adverbien impfen lassen?“

„Gib dir etwas Mühe, dann wort das schon“, antwortete er. „Kommt Zeit kommt Wort, wie es so schön heißt.“

„Worte sind geladene Pistolen, sagt Sartre“, sagte ich.

„Worte sind Taschen, in die bald dies, bald jenes, bald mehreres auf einmal hingesteckt worden ist. Sagt Nietzsche“, sagte er.

„Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat, deswegen muss man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen“, parierte ich mit Goethe.

„Doch nur, wo Worte selten, haben sie Gewicht“, versetzte er mir einen Shakespeare-Hieb.

Da mir die WordsApp auf dem Smartphone nicht weiterhalf, ging ich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich hatte noch einen Termin in der Vogelworte der kleinen Wortschaft. Die Adverbien würde ich (schmerzlich) vermissen.

Woanders ist alles … anders

Woanders ist alles … anders

Wenn man bei einer indischen Familie eingeladen ist, wird der gemütliche Teil (auf dem Sofa sitzen, plaudern und trinken) bereits vor dem Abendessen erledigt, während man sich danach recht zügig verabschiedet. Wer das nicht weiß, ist schon mit Knabbereien voll und leicht angetrunken, bevor die Schlemmerei beginnt. Trotz „Bitte nicht stören“-Schild an der Hoteltür betritt ein Page das Zimmer immer synchron zum Anklopfen (Also schloss ich ab – woraufhin der sich sicher dachte, dass alle Westler paranoid sind.)

Die Inder, die nachts um zwei lautstark Karten spielten, wollen einem nichts Böses – aber sie verstehen schlicht nicht, was das Problem ist und wieso sie die Tür ihres stickigen Hotelzimmers zumachen sollten. In Australien werden Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, am Montag nachgeholt. Ein Wechsel der beruflichen Laufbahn mittendrin ist in Neuseeland keine Ausnahme, sondern gern akzeptierte Regel. Hier erwartet man auf die Frage nach dem Wohlbefinden tatsächlich eine ausführliche Antwort. Die herzensguten Kiwi, die Autofahren wie die Henker, verursachen unwillentlich viel Blechschäden, weil sie, wenn sie einem Leihauto dicht auffahren, damit vermitteln wollen: Lass mich überholen. Während der gehetzte Tourist meint, dies bedeute, er solle ordentlich Gas geben.

In Polen ist es weder Übergriff noch Liebesbezeugung, wenn ein Mann einer Frau die Hand küsst. Dagegen stellt es den Gipfel an Unhöflichkeit dar, wenn ein Gast pünktlich zum Abendessen auftaucht und damit die Gastgeber völlig kalt erwischt. In der Ukraine wird ein Gast, auch wenn sein Bauch vor Hunger knurrt, die Aufforderung zum Essen ablehnen und behaupten, er sei pumperlsatt. Erst nach zwei Dutzend Nötigungen ist es akzeptabel, zuzugreifen. Deshalb hat eine ukrainische Freundin einmal ein Wochenende lang in Berlin gehungert, weil ihre Gastgeber die Nachfrage „Bist du sicher, dass du nichts essen möchtest?“ nur zwei- oder dreimal wiederholt haben. Wer seinem Gast in Lateinamerika den Wein mit der linken Hand einschenkt, beleidigt ihn.

In den USA unterhält man sich immer freundlich mit dem Service-Personal. Wer diesen Smalltalk herablassend als oberflächlich verurteilt, was wir Europäer gerne tun, vergisst dabei, dass man mit der grantigen Verkäuferin daheim auch nicht unbedingt über Nietzsche diskutiert. Einmal hatte ich keine Lust, in Arizona die Fragen eines distanzlosen Neugierigen zu beantworten. Er vermutete daraufhin, dass ich Französin sei. Das hat mir gefallen, und ich habe es nicht korrigiert. (Ich arbeite gern am schlechten Ruf von Menschen, die Frösche essen. (-;)

Da wundert man sich doch auch nicht über eine Gesetzgebung, die woanders anders ist! 

In Helena im US-Staat Montana darf eine Frau nur dann in einer Bar auf dem Tisch tanzen, wenn sie mindestens drei Pfund zwei Unzen (ca. 1400 gr.) Bekleidung auf dem Leib trägt. In Alaska ist es verboten, einen lebenden Elch aus einem Flugzeug zu stoßen oder ihn betrunken machen. In Kanada darf man ein Flugzeug während des Fluges nicht verlassen, egal, ob Mensch oder Elch. In New York müssen Selbstmörder, die vom Dach eines Gebäudes springen, mit der Todesstrafe rechnen. In Massachusetts ist bei einem Duell eine Wasserpistole als Waffe der Wahl untersagt, und in Uruguay ist ein Duell nur dann erlaubt, wenn beide Duellanten Blutspender sind. In Frankreich ist es verboten, ein Schwein „Napoleon“ zu nennen. Im Jahr 2000 wurde übrigens in der Gemeinde Le Lavandou das Sterben verboten, weil der Friedhof überfüllt war.

In Oklahoma regelt das Gesetz, dass man nicht vom Hamburger eines Fremden abbeißt, in Connecticut muss eine Gewürzgurke hüpfen können, damit sie als Gewürzgurke anerkannt wird, und in Kalifornien ist es illegal, auf dem Friedhof Gemüse anzubauen. In Großbritannien ist es verboten, betrunken zu reiten, ganz gleich, ob auf Pferden oder Kühen. In Australien ist Sex mit einem Känguru nur dann erlaubt, wenn man betrunken ist. Kinder dürfen dort übrigens Zigaretten rauchen, aber nicht kaufen. In Israel ist es illegal für einen Mann mit dem Namen Cohen, eine geschiedene Frau zu heiraten. In Estland ist es verboten, Schach zu spielen, während man Sex hat. In Ungarn ist es verboten, das Licht währenddessen anzulassen, und in Brasilien gibt es per Verordnung sogar ein „Recht auf sexuelle Erfüllung“. In England dürfen Mitglieder des Parlaments dasselbe nicht in einer Rüstung betreten. In der Schweiz ist es illegal, eine Autotür zuzuknallen. In Deutschland darf man nackt im Auto fahren, aber nicht nackt aus einem Auto aussteigen.

Und das Allerbeste: In Italien ist es verboten, öffentlich zu fluchen.

Dr. Roman Leuthner, Alexandra Leuthner: „Die blödesten Gesetze der Welt“, Bassermann Verlag 2017

Von Intros und Extros

Von Intros und Extros

Den Extrovertierten gehört die Welt – das posaunen sie jedenfalls voll Überzeugung in diese hinaus. Laut und leutselig, entscheidungsfreudig und enthusiastisch, richten sie den Blick nach Außen und saugen ihre Energie aus sozialen Interaktionen. Sie stellen rund zwei Drittel unserer Bevölkerung – auch wenn es den Introvertierten vorkommt, als seien doch deutlich mehr dieser oberflächlichen, distanzlosen und aufdringlichen Clowns unterwegs. Die Intros dagegen leben gern in der eigenen Innenwelt, weshalb sie sich von geselligen Zusammenkünften, ja oft den Menschen an sich, ausgelaugt fühlen. Sie sind zurückhaltend und tiefsinnig, im Außen ruhig und eher passiv. Oder aber, wie es die Extros wahrnehmen: verschlossene, unfreundliche und antriebslose Sonderlinge, die ruhig mal aus sich herausgehen könnten. Es sind erstaunlich viele Tests im Umlauf, die einem verraten wollen, was zu dem Wenigen gehört, das wir spontan selbst wissen: ob die eigene Kraft in die Blüte oder die Wurzel strömt. Ob wir lieber auf dem Oktoberfest auf Bierbänken tanzen oder im Zen-Kloster für den Weltfrieden meditieren. Höchste Zeit, die Vorzüge und Nachteile der Jung’schen Typisierung dem Alltagstest zu unterziehen.

In ein gutes Restaurant würde man den Intro mitnehmen, weil er einem nichts vom Teller klaut und sich mit dem Kellner nicht wegen der Höhe der Rechnung streitet. Auf eine einsame Insel dagegen den Extro, weil er – in einem Umfeld ohne Fernsehen – einfach den höheren Unterhaltungswert hat. Der Extro ist dafür sehr wartungsintensiv: Er braucht Gesellschaft und Stimuli bis zum Abwinken, weil er sich sonst langweilt und nichts mit sich anzufangen weiß. Der Hit beim Besuch im Seniorenheim; weniger angenehm als Gegenüber beim konzentrierten Arbeiten. Der Intro ist da ganz pflegeleicht; man kann ihn bei Bedarf in eine dunkle Ecke stellen und später wieder abholen. Nicht wundern, wenn er bei Berührung dann leicht zusammenzuckt. Dagegen verschiebt sich der Aufwand, wenn man die beiden zu einer beliebigen Aktion animieren möchte. Beim Extro reichen ein paar bunte Farben in der Regel schon aus, um ihn zu motivieren. Beim Intro muss man dagegen massiv in die Trickkiste greifen, will man ihn hinterm Ofen hervorlocken. Der Intro kann lange geheimnisvoll und sogar intelligent wirken, wenn er es sich verkneift, den Mund aufzumachen. Der Extro spielt ihn locker an die Wand – aber nur eine Zeitlang, bis letztendlich doch auffällt, dass er nur heiße Luft von sich gibt. Um mit einem Intro zu zanken, muss man beide Parts des Streitgesprächs in verteilten Rollen selbst übernehmen. Konflikte mit Extros sind, wen wundert’s, ein dramatischer Selbstläufer.

Der Extro ist glücklicher als sein Extrem. Das behauptet er jedenfalls immer, sobald ihm jemand zuhört. Der Intro definiert dagegen, was denn „Glück“ sei, und entscheidet sich dann für „Unglück“. Das passt besser zu den dezenten Farben, die er gern trägt.

oben oder unten

oben oder unten

In der Genesis der neuseeländischen Maori liebt Rangi, der Himmel, Papa, die Erde. Sie liegen in inniger Umarmung umschlungen, und Papa gebärt viele Söhne. Irgendwann wollen diese dem Dunkel der elterlichen Umarmung entkommen und trennen die Beiden in einem Akt postpubertärer Rebellion, der hier nicht weiter interessiert. Nur dessen Ergebnis: Der Himmel, Mann, liegt oben, die Erde, Frau, liegt unten.

Dies wird in der Missionarsstellung imitiert, die wir Europäer – zusammen mit mieser Küche, fiesen Krankheiten und übler Gottesfurcht – in „aller Herren Länder“ getragen haben. Oder war „Mann oben – Frau unten“ schon zuvor dort bekannt? Schließlich soll es sich dabei um die einfachste und folglich allererste Sexstellung überhaupt handeln. Die Fraglichkeit dessen zeigt das Paarungsverhalten anderer Tiere, wo Mann hinten – Frau vorn bevorzugt wird. Als einzige Ausnahme sehen Primaten wie die sexfreudigen Bonobos oder Flachlandgorillas einander beim Sex gelegentlich in die Augen.

Was ja auch oft als einer der Vorteile der Missionarsstellung genannt wird: Man erzeugt durch Blickkontakt reichlich Intimität, man kann sich küssen und sieht nicht viel vom Körper des anderen (was nun ein Vorteil sein kann oder auch nicht). Der Akt an sich ist nicht so anstrengend wie manch andere Sexstellung, zumindest nicht für die Frau, und für alles andere außer eine lustvolle Klitorisstimulation bestens geeignet. Es sei denn, der Mann ist sehr schwer und / oder sehr faul. Oder die Frau legt Wert auf Bewegungsfreiheit und Gestaltungsspielraum. Diese auch als „Mama-Papa-Stellung“ bekannte Position ist übrigens auf dem Papier die einzig legale Sexstellung in Florida. Ernsthaft.

Den Begriff „Missionarsstellung“ prägte „Master of Sex“ Alfred Kinsey, der den Anthropologen Malinkowski missverstanden hatte. Wahr ist, dass sich laut dessen Bericht ein Südseevolk über die einfallslosen Sexspiele der Missionare mokiert hat. Die Insulaner nannten die Stellung aber übersetzt „Die Frau kann nicht mitmachen“, was es so ziemlich auf den Punkt bringt. Als unschickliche „Missionarssitte“ schmähten sie allerdings nicht den Geschlechtsakt, sondern vielmehr das Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Die Frau unten – Mann oben-Position ist sicherlich die geläufigste in unseren patriarchalischen Gesellschaften. Sie müsse, so liest man oft, beileibe und -lende nicht langweilig sein, sofern man sie durch Kisseneinsatz oder korrekten Schenkelwinkel aufpeppt.

Zudem illustriert sie auf ziemlich unprätentiöse Art den landläufigen Ausdruck „eine Frau flach legen.“ Wer unten liegt, der unterliegt. Beim BDSM hat „top“ und „bottom“ eine grundlegend andere Bedeutung. Wer wen beim Liebesspiel dominiert, steht hier von vornherein fest. Hauptsache, beide (oder: alle) Beteiligten haben ihren Spaß – unabhängig davon, wie dieser, in einen gesellschaftspolitischen Kontext übersetzt, interpretiert werden könnte. Der Mann, so legen manch Kritikerinnen nahe, knie bei der Missionarsstellung vor der eigenen Erektion statt vor der Göttin. Jede Frau, die auf dem Rücken liegend genießt, bestätige die Macht der Phallokratie. Im Bett findet also regelmäßig ein Kampf um soziale Unter- oder Überlegenheit statt. Hinterher dann der Kampf um die Bettdecke.

Und andersherum? Ein „richtiger Mann“, liest man in den Foren, positioniert sich beim Sex oben. Das setzen wohl vor allem die Frauen voraus, wie es aussieht. So schreibt eine: „Ein Mann, der ständig nur unten liegt und mich machen lässt, wäre mir langweilig.“ Dabei liegt auch ein Mann gern mal unten, ohne sich gleich seiner Männlichkeit beraubt zu fühlen, wie die Kommentare der Gliedträger nahe legen. Man denke an die Abbildungen des Kamasutra, bei denen kleine dicke Paschas sich liegend von grazilen Tempeltänzerinnen verwöhnen lassen. (Zumal ja auch ihr Bauch den akrobatisch mehr herausfordernden Stellungen im Wege stünde.) Doch es steht zu bezweifeln, dass die sich oben Abmühende tatsächlich die Überlegene ist.

Ein paar einfache Faustregeln können hier Abhilfe schaffen. Bei Sex im Freien (Insekten, Unterholz…) liegt der Mann unten. Beim Sex im Wasserbett liegt die Frau unten. Wer Knieprobleme hat, darf die Beine lang machen. Wer die Decke nach Spuren von Holzwürmern absuchen möchte, liegt unten. Wer über den Kopf des Partners hinweg ein wenig fernsehen möchte, kommt nach oben. Wer doppelt soviel wiegt wie der Partner: Runter! Und wer gleich nach dem Akt das Weite suchen will, statt über sexuelle Emanzipation zu diskutieren, bleibt besser oben.

Werdet laut, Ihr Schlampen!

Werdet laut, Ihr Schlampen!

oder: Verbale Energien sinnvoll nutzen

 

Erinnert ihr euch noch an die guten alten Zeiten? Damals, als Frauen gesehen, aber nicht gehört werden sollten? Eine „Dame“ hatte kultiviert zu sein: Sie sollte nicht die Stimme erheben oder widersprechen, sie durfte auf keinen Fall die Rede an sich reißen und sie musste wissen, wann sie zu schweigen hatte. Laut werden war Sache der vulgären Frauen der Unterschicht: Waschweiber und Fischhändlerinnen, Dirnen und Tratschmäuler.

Wie lang mögen diese Zeiten vorbei sein, mag man und frau sich fragen – ohne zu erkennen, dass wir noch mittendrin stecken. Inzwischen, ganz klar, zählt die Stimme einer Frau, sie darf Rederaum für sich beanspruchen und ihre Meinung vertreten. Aber laut sollte sie dabei nach wie vor nicht werden – und schon gar nicht ausfallend. Ein Blick auf die üblichen „Gesprächsrunden“, ob im Fernsehen oder realen Leben, in politischem, kulturellen oder beruflichem Umfeld, zeigt, dass aggressives Sprechverhalten einem Mann zugestanden – oft, so drängt sich die Vermutung auf, sogar abverlangt – wird. Er nimmt souverän den Rederaum ein, der ihm gebührt – auch dann, wenn der ihm nach den Regeln von Fairness und Höflichkeit gar nicht zustünde, etwa, wenn er anderen Gesprächsteilnehmern ins Wort fällt oder seine Zeit über Gebühr ausdehnt.

Doch eine Frau, die verbal offensiv auftritt oder, bewahre, gar mal ein vulgäres Wort gebraucht, ist sofort unten durch. Sie hat sich als „Mannweib“ diskreditiert, als „aggressive Emanze“ – und selbst, wenn sie die besseren Argumente hat, wird sie nicht mehr ernst genommen. Ironischerweise kann eine Frau mit denselben besseren Argumenten, wenn sie allzu „feminin“ auftritt (zurückhaltend, mit leiser, hoher Stimme, höflich), ebenfalls nicht punkten. Selbst, wenn sie sich mit subtilen verbalen Spitzen als die intellektuell Überlegene beweisen könnte, geht das meist im lauten, hektischen Rhythmus des Gesprächs unter. Da beißt die Maus keinen Faden ab: Eine Frau hat es schwer, sich Gehör zu verschaffen, wenn sie nicht gerade in einem kuscheligen Kollegenkreis unterwegs ist, wo sich alle an die Regeln solider Gesprächskultur halten oder einen „talking stick“ herumreichen.

Dieser soziale Druck hat sonderbare Begleiterscheinungen. Zum einen fällt auf, dass es sehr oft gerade andere Frauen sind, die ihre Geschlechtsgenossinnen abstrafen, wenn diese aus dem ihnen zugestandenen Raster fallen: Ganz schön ordinär ist die Schlampe geworden, die scheint es ja nötig zu haben.

Zum anderen geraten selbst starke Frauen so unversehens in die Rolle eines Opfers, wenn sie sich hinterher über diese Dynamik beschweren, die sie, solange sie selbst im Podium saßen, nicht angesprochen oder ausgehebelt haben. „Er hat sich angemaßt, für uns Frauen zu sprechen“, klagt sie, wenn es zu spät ist. Sorry, Süße, sage ich dann, aber du hättest halt auch mal deinen Mund aufmachen sollen. Aber ich kam doch gar nicht zu Wort! Hätte ich etwa so rumschreien sollen wie er? Das liegt mir nun wirklich nicht.“ Tja, Pech. Aber auch verständlich: Ruckzuck ist der Ruf ruiniert, und mit einer Reputation als Waschweib kann frau sich nur schwer behaupten.

Die besondere Kraft, die in einem derben KRAFTausdruck steckt, versagen wir Frauen uns deshalb allzu oft. Fluchen wie ein Bierkutscher, das ist das ultimative „Lautwerden“ – und wehe dir, wenn du dir diese belebende Energie des befreiten Abkotzens einmal anmaßt! Du spürst, wie deine Zuhörer zusammenzucken und unsichere Blicke austauschen. War die nicht eben noch ganz nett?, hörst du sie denken. Das ist doch eine Akademikerin! Hat sie was getrunken? Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht vom medienwirksamen Kalkül, das hinter dem unflätigen Auftreten von Popsternchen, die ihr Image ändern wollen, oder C-Promis in entwürdigenden TV-Formaten steckt. Ich spreche von unser aller Alltag, der die soziale Schmiere eines gezielt eingesetzten Vulgarismus‘ durchaus gebrauchen könnte. Wir Frauen kennen und hassen alle jene Situationen, wo wir auf plumpe Anmachen oder massive Ungerechtigkeiten nicht mit einem verbalen K.o. reagiert, sondern versucht haben, ihnen auf „damenhafte“ Art zu begegnen. Ganz schwach.

Deshalb sage ich: Werdet laut, ihr Schlampen! Ganz gleich, welchen IQ, sozialen Status oder Bildungsstandard ihr im Kreuz habt. Ganz gleich, ob der laute Kerl euch gegenüber ein Generaldirektor, „Schöngeist“ oder emeritierter Wichtigtuer ist. Seid nicht leise, nur weil mann euch sonst eure Weiblichkeit absprechen könnte. Wenn ihr wirken wollt, wenn ihr gehört werden wollt, wenn es euch wichtig ist –

DANN WERDET VERDAMMT NOCH MAL LAUT!

(erschienen in Zeitpunkt Nr. 152, November 17, www.zeitpunkt.ch)

Alles oder Nichts

Alles oder Nichts

Seit Machtübernahme der sozialen Medien bekommen wir sie täglich um die Ohren geschlagen: Lebensmottos, erfrischend in ihrer Unoriginalität, überwältigend in ihrer Banalität und unerbeten in ihrer Onmipräsenz. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, tönt es da zwischen niedlichen Katzenfotos, oder auch „Tanze, als ob dir niemand zusieht.“ Am beliebtesten sind Varianten des Carpe-Diem-Themas, und allen voran dieser: „Lebe jeden Tag, als wäre er der letzte.“ Und das ist nun wirklich das Dümmste, was man tun könnte.

Es ist so dumm, dass sich selbst jene, die den Spruch auf die virtuelle Stirn tätowieren, nicht überwinden können, es wirklich durchzuziehen. Man muss nicht den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gesehen haben, um zu wissen, wie ein Tag, der keinerlei Konsequenzen nach sich zieht, letztendlich aussehen wird: Exzesse und Extravaganzen jeder Art. Weshalb auch nicht, wenn kein Hangover am Morgen danach zu befürchten ist? Mal ehrlich: wer würde am letzten Tag seines Lebens noch zur Arbeit gehen? Wer eine Versicherung abschließen, verhüten oder sich einen Bypass legen lassen? Miete zahlen, mit dem Kind zur Schule statt in den Park fahren oder sich gesund ernähren? Einzig Martin Luther wäre noch im Schrebergarten unterwegs, um ein Apfelbäumchen zu pflanzen. (Das er dann kurz darauf wieder rausziehen müsste, weil es eben doch nicht sein letzter Tag war und die Gartenverwaltung den Obstbaum nicht genehmigt hat.)

Am letzten Tag unseres Lebens würden wir die Liebsten besuchen, nachdem wir dem Chef endlich unsere Meinung gesagt hätten. Wir würden ihnen alles sagen, was es zu sagen gäbe. Und was würden wir ihnen dann morgen sagen, und übermorgen? Wir würden versuchen, noch ein, zwei Einträge auf der „Bucket List“ abzuhaken – was am Tag darauf höchstwahrscheinlich strafrechtliche Verfolgung, Exkommunikation oder Krankenhaus zur Folge hätte. Halten wir es also lieber mit Mark Twain, der sagt: „Gib jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden.“ Weniger ist hier mehr als „alles oder nichts“.